Soziales
Der Golden Retriever Quandace, Assistenzhund von Pauline Bader aus Wehrheim im Taunus, hilft ihr Hausschuhe und Strümpfe auszuziehen.
© epd-bild / Heike Lyding
"Ohne meine Hunde wäre ich nicht die Person, die ich heute bin"
Assistenzhunde sind tägliche Begleiter von Menschen mit Behinderung
Wehrheim (epd). Das Handy rutscht aus Paulines Hand, fällt ungebremst Richtung Boden und schlägt dumpf auf dem Teppich auf. Quandace ist sofort in Bereitschaft, nimmt das Handy vom Boden auf und legt es Pauline in den Schoß. "Danke, Quandace", sagt Pauline und streichelt ihr sanft über den Kopf, während sich die Hündin seitlich an den Rollstuhl schmiegt.

Pauline leidet an Morbus Farber, einer äußerst seltenen Stoffwechselerkrankung. Die 23-Jährige ist sehr klein und zierlich für ihr Alter. Im Alltag ist sie auf die Hilfe anderer angewiesen - die ihrer Eltern und die von Quandace, ihrem Assistenzhund.

Quandace ist Paulines zweiter Assistenzhund. Ihren ersten Hund, Eve, bekam sie mit sechs Jahren, kurz nachdem ihr die Krankheit die Fähigkeit nahm, zu stehen und ein paar Schritte zu laufen. 13 Jahre lang war der Golden Retriever Paulines tägliche Begleiterin. Im März 2015 starb Eve.

"Ein Leben ohne Hund kann ich mir nicht mehr vorstellen", sagt Pauline. Das Problem: Hunde wie Quandace und Eve sind nicht billig, allein ihre Ausbildung kostet rund 25.000 Euro. Hilfe kommt von Vereinen wie "Vita Assistenzhunde", der sich durch Spenden finanziert. "Vita" wählt geeignete Retriever-Welpen aus und bildet sie professionell aus. Danach wird für den Hund ein passender Teampartner gesucht. Ziel ist es, Menschen mit einer körperlichen Behinderung zu mehr Unabhängigkeit zu verhelfen.

Der Bundesrat hat sich im Februar 2017 dafür ausgesprochen, alle Assistenzhunde als Hilfsmittel anzuerkennen - womit sie von den Krankenkassen finanziert würden. Assistenzhunde sind nicht nur Blindenhunde, sondern auch Servicehunde wie Quandace und Signalhunde für Gehörlose, Epileptiker und Diabetiker. Weil die Kosten für die Hunde nicht übernommen werden, würden viele von der Hilfe ausgeschlossen, hieß es in der Länderkammer. Der Bundesregierung steht es offen, das Anliegen der Länder aufzugreifen, bislang ist dies nicht geschehen.

Quandace kann weit mehr als nur Paulines Handy aufheben: Die sechsjährige Hündin öffnet Schubladen, zieht Schuhe und Socken aus, öffnet Türen und holt Fahrstühle. Pauline halfen ihre Hunde besonders in den schlimmen Phasen, als ihr Knochenmark transplantiert oder sie am Rücken operiert wurde. "Es ist schön, jemanden zu haben, der immer gute Laune hat und für einen da ist." Als Kind sei sie sehr schüchtern gewesen, Eve und Quandace hätten ihr Selbstbewusstsein gegeben. "Ohne meine Hunde wäre ich nicht die Person, die ich heute bin." Mittlerweile studiert sie trotz ihrer Erkrankung in Wiesbaden Soziale Arbeit und lebt in ihrer eigenen Wohnung.

Das Beispiel Österreich zeigt, wie es auch in Deutschland funktionieren könnte: Dort werden alle Assistenzhunde am Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien geprüft. Für die Anerkennung eines Hundes müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt werden: Er muss gesund sein, sich nicht von seiner Umwelt beeinflussen lassen und eine spezielle Ausbildung erhalten haben. Zudem muss er ein staatliches Beurteilungsverfahren durchlaufen, in dem unter anderem sein Gehorsam getestet wird.

Damit alle Assistenzhunde in den Katalog der anerkannten Hilfsmittel aufgenommen werden können, müssten sie eine Behinderung unmittelbar ausgleichen, teilte das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit. Das sei bei Blindenhunden der Fall, weil sie eine gefahrlose Orientierung ermöglichen. Bei Signalhunden sei das anders, sie helfen nur in bestimmten Bereichen des täglichen Lebens. Für diese gebe Bereiche es aber meist "wirtschaftlichere Versorgungsalternativen" wie spezielle Überwachungsinstrumente.

Blinde Menschen bekämen außerdem nicht automatisch einen Blindenhund, sagte Claudia Widmaier vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung. Zunächst werde geprüft, ob Blindenleitgeräte helfen können.

Pauline kann diese Argumente nicht nachvollziehen. Quandace helfe ihr, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Das einzige, was eventuell einen Hund ersetzen könnte, wäre eine Vollzeitpflegekraft. "Wirtschaftlicher ist das bestimmt nicht."

Von Jana-Sophie Brüntjen (epd)