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Fred verkauft das Hamburger Straßenmagazin "Hinz&Kunzt".
© epd-bild / Stephan Wallocha
Obdachlose als Zeitungsverkäufer
Vor 25 Jahren wurde das Hamburger Straßenmagazin "Hinz&Kunzt" gegründet
Hamburg (epd). Hamburgs Diakonie-Chef Stephan Reimers war erst wenige Wochen im Amt, als er die Idee für eine neue Zeitung hatte: Obdachlose selbst sollten ein journalistisch anspruchsvolles Magazin verkaufen. Einen Teil der Einnahmen behalten sie. Vor 25 Jahren erschien die erste Ausgabe von "Hinz&Kunzt". Am 6. November wird das Jubiläum mit einem Charity-Abend gefeiert.

Vorbild war das Londoner Straßenmagazin "Big Issue". Wenige Wochen vor "Hinz&Kunzt" wurde "Biss" in München gestartet. Heute gilt "Hinz&Kunzt" als Flagschiff der deutschen Straßenmagazine - nach eigenen Angaben ist es das auflagenstärkste.

Doch die Digitalisierung verschont auch die Straßenmagazine nicht. Junge Menschen engagierten sich zwar gern in sozialen Projekten, kauften aber nur selten eine Zeitung, sagt Chefredakteurin Birgit Müller. Lag die Gesamtauflage 2016 noch bei 720.000, so fiel sie 2017 auf knapp 690.000. Es gibt aktuelle Infos zum Thema Armut auf der Internetseite der Zeitung und einen regen Austausch auf Facebook. Kernanliegen bleibt jedoch der Verkauf der Zeitung auf der Straße.

Die erste Auflage lag bei 30.000 Exemplaren - und musste prompt erhöht werden. Für den darauffolgenden Dezember wurden gleich 120.000 Exemplare gedruckt. Mittlerweile gibt es bundesweit rund 50 Straßenzeitungen. Viele erhielten Starthilfe von "Hinz&Kunzt", das journalistisch professionell gemacht ist.

Die Namensgebung war chaotisch, erinnert sich der damalige Co-Chefredakteur Ivo Banek. Kurz bevor die erste Nummer mit dem Titel "Jetzt" in Druck gehen sollte, wurde bekannt, dass die Namensrechte dafür bei der "Süddeutschen Zeitung" lagen. Ein kurzes Brainstorming ergab, dass es ein Blatt für "Hans und Franz" sein sollte mit einem anspruchsvollen Kulturteil: Daraus wurde dann "Hinz&Kunzt".

Die Bedeutung der Redewendung "Hinz und Kunz" erfuhr das Team erst Jahre später bei einem Besuch der damaligen Hamburger Bischöfin Maria Jepsen: Weil im Mittelalter die meisten Kaiser "Heinrich" oder "Konrad" hießen, wurden auch viele Kinder so genannt. Die Kurzformen "Hinz" und "Kunz" waren also Namen für "Jedermann".

Eine Klippe für die Verkäufer-Crew war die Sozialbehörde. Wer Sozialhilfe erhalte, müsse zusätzliche Einnahmen angeben und einen Teil wieder zurückzahlen, war die Ansage von Sozialsenatorin Helgrit Fischer-Menzel (SPD). Stephan Reimers und das "Hinz&Kunzt"-Team argumentierten, dass von den Einnahmen meistens Schulden oder Arztkosten beglichen würden. Ein Kompromiss sah vor, dass die Einnahmen angegeben werden und jeder Verkäufer einen Freibetrag behalten darf, der heute 110 Euro beträgt.

Die meisten haben feste Verkaufsplätze. Zuweilen aber haben sie mit unseriöser Konkurrenz zu kämpfen. So tauchte vor zwei Jahren ein "Straßen Journal" auf, von dessen Verkäufer sich die "Hinz&Künztler" an ihren Plätzen bedroht fühlten. Weil es journalistisch schwach war, verschwand es einige Zeit später wieder aus den Straßen. In Rheinland-Pfalz ermittelten sogar die Behörden gegen das angebliche Obdachlosenmagazin "Streetworker". Es verfolgt kommerzielle Zwecke, wie die zuständige Aufsichtsbehörde in Rheinland-Pfalz dem ARD-Magazin "Plusminus" sagte.

Für die aktuell 530 Verkäufer von "Hinz&Kunzt" gibt es klare Regeln: Jeder hat einen Ausweis dabei, Alkohol ist tabu. Trinkgeld und ein kleiner Schnack sind gerngesehen. Ein Verkauf in Bussen und Bahnen ist ebenso untersagt wie das Bedrängen von Passanten. Es sei ein Geschäft "auf Augenhöhe", sagt Chefredakteurin Müller. "Jeder kann betteln - aber nicht mit der Zeitung in der Hand."

Doch im September entschloss sich der Verlag zu einem Hilferuf: Bitte beim Kauf auf den Ausweis achten. Immer häufiger würden Verkäufer ohne Ausweis das Blatt zum Betteln missbrauchen. Manche würden die Zeitung nicht aushändigen mit dem Hinweis, es sei ihr letztes Exemplar.

Waren in den 90er Jahren Obdachlose in Hamburg oftmals Menschen aus der ehemaligen DDR, so sind es heute nach der EU-Erweiterung überwiegend Osteuropäer. Vor allem Roma aus Rumänien und Bulgarien versprechen sich vom Zeitungsverkauf finanzielle Hilfe für ihre verarmten Familien. Dafür sei der Verkauf von "Hinz&Kunzt" aber nicht ausgerichtet, sagt Birgit Müller. Viele "Hinz&Kunzt"-Verkäufer stammten zwar aus Rumänien und Bulgarien. Es könnten aber nicht alle Bedürftigen versorgt werden.

Inzwischen ist aus dem kleinen Diakonie-Verlag ein Sozialbetrieb mit 2,2 Millionen Euro Jahresumsatz geworden. Obdachlose führen Interessierte zu Orten der Obdachlosigkeit, ein Team sammelt Flaschen am Flughafen, und im "Brotretter"-Shop gibt es günstiges Brot vom Vortag. Von den 38 Mitarbeitenden sind 22 ehemalige Verkäufer. Die Einnahmen kommen zu einer Hälfte aus dem Magazinverkauf und den Anzeigenerlösen, zur anderen Hälfte aus Spenden.

Jetzt steht ein richtig großes Projekt an: Mit Hilfe von Erbschaften, Spenden und Stiftungen will "Hinz&Kunzt" 2020 ein eigenes Haus in St. Georg beziehen. Geplant sind Räume für den Verlag - und 13 Wohnungen für Bedürftige.

Von Thomas Morell (epd)