Entwicklung
Mitarbeiter des Rettungsdienstes "Aamin Ambulance" n der somalischen Hauptstadt Mogadischu.
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Lebensbedrohliche Hilfe
Sanitäter in Somalia begleitet die Angst während ihrer Einsätze
Mogadischu (epd). Der Fahrer des Rettungswagens bahnt sich seinen Weg durch den chaotischen Verkehr der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Ein neugeborenes Mädchen muss dringend ins Krankenhaus, jede Minute zählt. Doch trotz Martinshorns weichen Eselsgespanne und Passanten mit Handkarren nur zögerlich aus.

Auf einmal drängen sich mehrere Pickups mit getönten Scheiben und Ladeflächen voll schwer bewaffneter Männer vor den Rettungswagen, zwingen den Fahrer zum Bremsen. Wer in Mogadischu eine Waffe hat, hat die Macht, die Nothelfer haben das Nachsehen. Dabei ist Eile geboten. Vor etwa 15 Minuten wurden die Helfer zu dem Baby gerufen. "Nach der Geburt hat es erst gar nicht geatmet", erzählt Sanitäter Ibrahim Hassan Ali. "Jetzt hat es wenigstens die Augen geöffnet."

An Straßensperren werden die Helfer immer wieder aufgehalten, Soldaten kontrollieren die Fahrzeuge. Das soll Sicherheit bringen: Terroranschläge mit Sprengstoff beladenen Autos oder Lastwagen sind in Mogadischu häufig.

Währenddessen hört der Zahnarzt Abdulkadir Abdirahman Adan in seiner Praxis mit, wie weitere Notrufe eingehen. Der 43-Jährige hat den Rettungsdienst "Aamin Ambulance" 2006 gegründet - "Aamin" heißt auf Deutsch "Vertrauen". "Damals gab es für Schwerverletzte und Kranke nur eine Transportmöglichkeit, und das waren Schubkarren", erzählt der Zahnarzt.

Abdulkadir war kurz vorher aus Pakistan zurückgekehrt, wo er studiert hatte - in seiner kriegszerstörten Heimat war das damals unmöglich. Nach seiner Rückkehr eröffnete er in der Nähe des großen Bakara-Marktes eine Zahnarztpraxis, ausgerechnet in einem besonders schwer umkämpften Viertel. "Fast täglich sah ich Menschen vor meiner Tür verbluten", erinnert sich Abdulkadir. Das fand er so unerträglich, dass er schon nach kurzer Zeit beschloss, einen Rettungsdienst aufzubauen.

Der junge Zahnarzt investierte sein gesamtes Erspartes, damals rund 4.200 US-Dollar (etwa 3.600 Euro). Er kaufte im Ausland einen Kleinbus, den er zu einem einfachen Rettungswagen umbauen ließ. Dann fing er an, bei Geschäftsleuten und anderen Menschen mit etwas Geld für sein Projekt zu werben. Heute hat er 16 Rettungsfahrzeuge, viel zu wenig für die rund zweieinhalb Millionen Bewohner der Hauptstadt. Aber viel besser als im Rest des Landes, wo die Menschen für ihre Krankentransporte noch immer auf Schubkarren angewiesen sind.

Von den laufenden Kosten für die "Aamin Ambulance" bezahle er rund die Hälfte aus der eigenen Tasche, sagt Abdulkadir - 6.000 Dollar im Monat. Natürlich könnte er mit seinem Geld auch etwas anderes machen, meint der Zahnarzt. Aber da die somalische Regierung untätig sei, müsse halt irgendwer einspringen. "Hier kommt es nicht selten vor, dass an einem Tag mehr als 100 Menschen durch ein Attentat sterben", sagt er. "Die Toten können wir nicht lebendig machen. Aber wir müssen versuchen, so viele Menschen wie möglich zu retten."

Abdulkadir erinnert an den 14. Oktober 2017. An dem Tag verübte die Shabaab-Miliz den bislang größten Anschlag in der somalischen Geschichte. Mehr als 500 Menschen wurden getötet. Abdulkadir war zum Tatort gerast, sobald er die Detonation einer Lkw-Bombe hörte. Bis heute erträgt er kaum die Erinnerung an das, was er dann erlebte. "Uns haben so viele Menschen um Hilfe angefleht, und wir konnten nichts für sie tun."

Denn die Helfer hatten zuerst nur einen Rettungswagen. Etliche Opfer sahen sie in brennenden Autos oder unter Trümmern - unerreichbar. 36 Stunden lang brachten Abdulkadir und seine Mitarbeiter unablässig Verletzte in eins der wenigen Krankenhäuser. "Ich hatte meine Gefühle kaum unter Kontrolle", erzählt 27-jährige Bashir Farah Mohamed. Er sei "traurig, schockiert - und unglaublich nervös" gewesen. Der Sanitäter rechnete die ganze Zeit mit einer zweiten Explosion.

Das ist eine bekannte Taktik der Al-Shabaab, die in Somalia gegen die Regierung kämpft und Terror verbreitet: Die radikalen Islamisten zünden oftmals einen zweiten Sprengsatz, sobald die ersten Helfer vor Ort sind. Das makabre Kalkül: Die Zahl der Opfer steigt enorm, wenn auch die Retter getötet werden. Trotz seiner Angst versorgte Bashir so viele Verletzte wie er konnte. Wenig später folgte tatsächlich eine weitere Explosion, allerdings rund einen Kilometer entfernt. Bashir rannte zu dem neuen Anschlagsort, getrieben vom Wunsch zu helfen und voller Angst um sein eigenes Leben - Alltag für Helfer in Somalia.

Das neugeborene Mädchen ist an diesem Morgen inzwischen auf der Intensivstation im Kinderkrankenhaus Banadir angekommen. Weil der Sauerstoffgehalt in seinem Blut zu niedrig ist, hat es einen kleinen Schlauch unter der Nase. Ob das Gehirn geschädigt wurde, könne man jetzt noch nicht sagen, erläutert Kinderarzt Abdullahi Hashim. "Aber zur Zeit glaube ich das nicht. Das Mädchen wirkt jetzt unauffällig und ruhig." Ohne einen Rettungswagen hätte das anders ausgesehen, weiß der Kinderarzt. Vermutlich wäre der Kleinen kaum zu helfen gewesen.

Von Bettina Rühl (epd)