Soziales
Im Malteser Krankenhaus St. Hildegardis in Köln
© epd-bild / Jörn Neumann
Kuchenbacken auf der Demenzstation
Kölner Klinik geht neue Wege
Köln (epd). Gut gelaunt und angeregt plaudernd sitzt eine Gruppe älterer Damen am Küchentisch. Eine der Frauen schält Äpfel, eine andere schneidet sie klein. Eine dritte gießt Teig in eine Backform, mit etwas Unterstützung einer Physiotherapeutin, die zusammen mit den betagten Damen einen Obstkuchen backt. Den werden später alle gemeinsam verspeisen - in der gemütlichen Essecke der Station Silvia im Malteser Krankenhaus St. Hildegardis in Köln. Dass es sich um eine Station für Menschen mit Demenzerkrankungen handelt, fällt zunächst gar nicht auf.

"Uns ist es wichtig, dass wir hier eine familiäre, häusliche Atmosphäre schaffen", sagt Stationsleiterin Rebekka Kleinpaß. Ein kühles Klinikambiente wird so weit wie möglich vermieden: So zeigen etwa die Betten nicht wie üblich in den Raum hinein, sondern sind an die Wand gerückt. Die Zimmer, die sich jeweils zwei Patienten teilen, sind hell und freundlich.

Alle acht Patienten sind aus akutem Anlass im Krankenhaus, etwa mit Oberschenkelhalsbruch oder Blutdruckproblemen. "Die Demenz ist immer nur eine Nebendiagnose", sagte Kleinpaß. Aber für das Personal ist sie das entscheidende Kriterium. "Auf einer normalen Station gehen Demenzerkrankte unter", weiß die Stationsleiterin, zertifizierte Trainerin für die Versorgung Demenzkranker.

Der entscheidende Unterschied sei, dass man sich auf "Station Silvia" auf die Bedürfnisse des Patienten einstelle - und nicht umgekehrt, sagt Kleinpaß. Wer lange schlafen will, kann das machen. Und wenn sich jemand aufs falsche Bett setzt oder versehentlich die Kleidung des Zimmernachbarn anzieht, ist das auch kein Problem.

Der Patient soll einen strukturierten und zugleich abwechslungsreichen Alltag erleben. "So werden alle Mahlzeiten gemeinsam in der Gruppe am Küchentisch eingenommen und nicht allein auf dem Zimmer", sagt Chefarzt Jochen Hoffmann. Die Patienten können an Mal- und Kochkursen und Bewegungsangeboten teilnehmen. Täglich sind Ergo-, Physio- und Sprachtherapeuten vor Ort.

Eine gerade veröffentlichte Evaluationsstudie des Deutschen Instituts für Angewandte Pflegeforschung (DIP) hat gezeigt, dass sich Mobilität, geistige Fähigkeiten und Alltagskompetenz der Patienten während eines Aufenthalts auf der Station deutlich verbessern. "Die Ergebnisse sind für alle Kliniken interessant, und das Konzept setzt Maßstäbe", sagt Studienleiter Michael Isfort.

Rebekka Kleinpaß betont, wie wichtig es sei, ruhig und besonnen mit Demenzerkrankten umzugehen: "Wenn der Patient sagt: 'Ich gehe jetzt zu meinen Eltern', dann sollte man nicht sagen: 'Aber die sind doch tot.'" Das löse Unruhe und Angst aus. Niemals widersprechen, sondern sanft ablenken, rät Kleinpaß, etwa: "Ich verstehe, dass Sie ihre Eltern vermissen. Wollen wir gemeinsam einen Kaffee trinken?"

Auf Station Silvia werden Patienten zudem nicht "fixiert", also in ihren Betten angebunden. "Fixierungen sind vermeidbar", sagt Pflegeexperte Isfort vom DIP dazu. "Fixierungen sollen verhindern, dass Patienten weglaufen", erklärt Kleinpaß. "Aber mit einem gut strukturierten Tagesablauf und einer familiären, heimischen Atmosphäre wollen sie das gar nicht." Wenn sie nachts trotzdem aufstünden, dann reiche es aus, die Fußmatten vor den Betten mit Sensoren auszustatten. "Dann klingelt es bei der Nachtschwester." Meistens wolle der Patient nur zur Toilette.

Sogenannte "special care units" sind in Deutschland noch die absolute Ausnahme: "Bundesweit gibt es gerade einmal 25 Demenz-Stationen", sagt Chefarzt Hoffmann. Und auch für einen Aufenthalt auf Station Silvia gibt es lange Wartelisten. Für ein Krankenhaus sei eine Demenzstation natürlich teurer. Und auch der Betreuungsaufwand sei höher. Station Silvia werde quersubventioniert durch gut laufende andere Klinikbereiche. "Aber wir haben eine Geschäftsführung, die dahintersteht, und ein sehr engagiertes Team", betont Hoffmann.

Von Barbara Driessen (epd)