Soziales
Marcel Fratzscher
© epd-bild / Norbert Neetz
Fratzscher: Rechtsruck verursacht enorme wirtschaftliche Schäden
Frankfurt a.M. (epd). Der Rechtsruck und die politische Radikalisierung in Teilen Ostdeutschlands richtet nach der Überzeugung des Berliner Ökonomen Marcel Fratzscher enorme wirtschaftliche Schäden an. "Der unverdeckte Hass, den wir etwa in Chemnitz sehen, könnte den Anstoß für eine Spirale nach unten geben", sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Insbesondere gut ausgebildete, flexible Menschen wollen nicht in einer Gegend leben, in der Menschen wegen ihrer Religion oder Hautfarbe verfolgt werden." Die Grünen forderten Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) auf, Toleranz zu schützen und zu bewahren, denn sie sei für einen gute wirtschaftliche Entwicklung wichtig.

Nach Fratzschers Ansicht könnte der sichtbare Rechtsextremismus die Abwanderung junger Menschen, unter der ohnehin viele Regionen im Osten seit Jahren leiden, deutlich verstärken. "Hier bekommen Städte, die durch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auffallen, ein Riesenproblem." Toleranz sei ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, erklärte der DIW-Präsident. Eine Region, die wirtschaftlich erfolgreich sein wolle, müsse Talente anlocken.

Die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Kerstin Andreae, sagte dem epd, Wirtschaftsminister Altmaier müsse sich endlich "sichtbar und hörbar Radikalisierung und Ausgrenzung in den Weg stellen". Gerade die betroffenen Regionen bräuchten ein freundliches Klima, um Investoren anzulocken und über Einwanderung Fachkräfte zu gewinnen. "Wer Menschen ausgrenzt, verschließt sich vor der Kreativität der Welt und schmort im eigenen Saft, anstatt sich zu entwickeln", erklärte Andreae.

Für den Rechtsruck in Deutschland nannte Fratzscher als "zentrale Ursache die soziale Polarisierung". In Regionen mit einer verfallenden Infrastruktur, maroden Schulen und nur wenigen guten Jobs mit Perspektiven machten sich die Menschen Sorgen. "Und zwar in allen sozialen Schichten. Viele sind besorgt über die Zukunft ihrer Kinder."

Hinzu komme die große Ungleichheit in Deutschland. Vielen gehe es gut, "aber wir haben zu viele atypisch Beschäftigte". Sie arbeiteten zu geringen Löhnen, in Zeitarbeit, in unfreiwilliger Teilzeit. "Jeder Fünfte schafft es nicht, trotz Job über die Runden zu kommen. Wir haben sechs Millionen Hartz-IV-Empfänger. Viele alleinerziehende Frauen fallen hinten runter", erläuterte Fratzscher.

Der DIW-Präsident appellierte an die Politik, "das Thema gleichwertige Lebensbedingungen, wie es der Anspruch des Grundgesetzes ist, ernst zu nehmen". Sie müsse versuchen, wirtschaftlich schwache Regionen attraktiv zu machen: etwa durch den Bau von Wissenschaftszentren. Von ihnen müssten dann auch Unternehmen der Region profitieren.