Entwicklung
Goldgräber bei Tomborokoto im Senegal
© epd-bild / Odile Jolys
Fluch und Segen des Goldes
Dakar (epd). In Tomborokoto graben Dutzende Leute mit einfachen Hacken den harten Boden um. Sie machen ganze Hügel platt und hinterlassen eine rötliche, staubige Mondlandschaft, in der kein Kraut mehr wächst. Frauen, alte und junge, schleppen große Kübel, während ihre Babys gefährlich nahe an den zwei bis drei Meter tiefen Gruben spielen. Mehr als 30.000 Menschen leben von der Goldsuche im Senegal. Sie treibt die Hoffnung auf schnellen Reichtum. Doch die Folgen sind unabsehbar.

Zuerst kamen Goldsucher aus Mali und Burkina Faso in die Region um Kedougou im Süden des Senegals. Es waren Männer, die schon Erfahrung im Bergbau mit einfachsten Mitteln hatten. Mittlerweile tummeln sich hier Leute aus ganz Westafrika. Die örtliche Gemeinschaft erhebt eine Abgabe und verdient an Unterkunft und Verpflegung der Zuwanderer. Allmählich haben auch die Senegalesen das Handwerk gelernt. Sie haben Maschinen, um das Gestein zu zermahlen, aus Mali importiert und betreiben nun selbst Goldabbau.

2014 haben die senegalesischen Behörden versucht, die Goldsuche zu regulieren. Jeder sollte eine Goldwäscher-Lizenz besitzen, die nur Senegalesen für umgerechnet 7,50 Euro kaufen konnten. Bis jetzt hat aber kaum einer eine solche Berechtigungskarte. Die Spannungen mit den Einwanderern nehmen zu. Prostituierte aus Nigeria sind gekommen, Überfälle gehören zum Alltag.

Kedougou ist dünn besiedelt und bekommt genug Regen, um Landwirtschaft zu betreiben. Dennoch ist die Region die ärmste des westafrikanischen Landes und wurde von der Regierung lange vernachlässigt. Seit 15 Jahren erlebt die Region einen Goldrausch. Drei Goldminen sind in ausländischem Besitz. Laut Gesetz müssen sie einheimische Arbeiter beschäftigen, doch in der Region hat kaum jemand die geforderten Qualifikationen.

Bocar Diallo von der nichtstaatlichen Organisation La Lumière in Kedougou bedauert eine fehlende Weitsicht der Bevölkerung und der Politiker. "In 15 Jahren wird die Erde ausgeschöpft sein - und was werden die Menschen dann machen?" fragt er. Schon Zehn- und Elfjährige arbeiten als Goldsucher. La Lumière will vor allem Kinder wieder in die Schule holen.

Auch die Umweltschäden machen La Lumière Sorgen. Um das Gold vom Gestein zu lösen, nutzen die Bergleute Zyanid und Quecksilber. Ein junger Mann, der sich Moctar nennt und lieber nicht fotografiert werden will, bestätigt, dass er die Chemikalien benutzt. Am Abend bringt er einen Eimer voll Gestein, gemischt mit Wasser und Spülmittel, nach Hause. Dort fügt er Zyanid hinzu. Wo er die Flüssigkeit entsorgt? Er lächelt und legt einen Finger auf den Mund. Ob er weiß, dass die Substanz gefährlich ist und das Wasser vergiften kann? "Ja, ja", sagt er. "Kein Problem." Der Verkauf von Zyanid und Quecksilber ist zwar verboten, aber dennoch sind beide Stoffe leicht zu haben.

Moctar betreibt mit weiteren drei Freunden aus dem Dorf eine der informellen 6.272 Goldminen, die das Statistische Amt des Senegals im April aufgelistet hat. Demnach beschäftigt diese Art des Goldbergbaus mit einfachsten Mitteln über 30.000 Leute in der Region. Im Durchschnitt verdient jeder rund 2,2 Millionen CFA-Francs (3.350 Euro) im Jahr. Das ist viel mehr, als die Landwirtschaft abwirft.

In der Region wird vor allem Baumwolle angebaut, dazu ein wenig Reis und Erdnüsse, ansonsten bestellen die Familien ihre Felder für den Eigenbedarf. Mit einem Hektar Baumwolle bester Qualität verdient ein Landwirt rund 530 Euro netto pro Jahr. Oft ist es die einzige Geldeinnahme im Jahr. Die Sodefitex, die einzige Baumwollfirma des Landes, klagt: Die Produktion von Baumwolle habe mit dem Goldrausch drastisch abgenommen. "Die Leute arbeiten lieber in den informellen Minen, sie sagen, dass sie mehr verdienen", sagt Sodefitex-Direktor Bachir Diop. "Einige versuchen beides zu machen, aber Baumwolle erfordert viel Arbeit, sonst leidet die Qualität, und wir können sie nicht verkaufen."

Der informelle Goldbergbau unterliegt keinen Steuern. Auch die Aufkäufer scheuen die Öffentlichkeit. Der Staat, der in der Region erst jetzt Straßen baut und Dörfer elektrifiziert, blieb lange untätig. Bis heute gibt es im Krankenhaus Kedougou kein Röntgengerät. Im Falle eines Knochenbruchs muss man 200 Kilometer fahren.

Von Odile Jolys (epd)