Medien
Schlechte Vorbilder im TV-Programm?
© © epd-bild / Andrea Enderlein
Fernsehsender zeigen oft Alkoholkonsum
Wissenschaftler: TV-Fiktion geht oft an gesellschaftlicher Realität vorbei
Würzburg, Berlin (epd). Die Präsenz legaler Drogen im deutschen Fernsehen ist laut einer Studie der Universität Würzburg enorm - eingeordnet wird deren Konsum aber kaum. Wirtschaftsjournalismus-Professor Kim Otto und seine Mitarbeiter haben die Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums und der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) erstellt. "Wir waren sehr überrascht, vor allem was den Alkoholkonsum angeht", sagte Otto dem Evangelischen Pressedienst (epd) am 7. November. Zuerst hatten die Zeitungen der Funke Mediengruppe über die Ergebnisse berichtet.

Laut der Untersuchung ist in sechs von zehn TV-Sendungen Alkohol zu sehen, in vier von zehn Sendungen wird er zudem konsumiert. Deutlich höher ist dieser Anteil bei fiktionalen Formaten: Mit 95,8 Prozent wurde in fast jedem Spielfilm, der untersucht wurde, Alkohol getrunken. Bei Serien lag der Anteil bei 61,2 Prozent, bei Seifenopern bei 45,8 Prozent. Die Präsenz von Tabak und Nikotin ist zwar geringer als die von Alkohol - jedoch treten auch diese legalen Drogen laut der Studie in fast jeder vierte TV-Sendung auf.

Vor allem in Sendungen im Privatfernsehen wird häufig zur Flasche gegriffen: Mit sechs von zehn Sendungen, in denen Alkohol konsumiert wurde, führt ProSieben die Liste an, gefolgt von RTL II mit fünf von zehn; gezeigt wird Alkohol bei ProSieben sogar in acht von zehn Sendungen, bei RTL II sind es sieben von zehn.

Aber auch der ARD-Sender Das Erste und das ZDF zeigen in jeder zweiten Sendung alkoholische Getränke, der angedeutete Konsum alkoholischer Getränke liegt beim Ersten mit 33 Prozent etwas niedriger als beim ZDF mit knapp 40 Prozent.

Bewertet wurde der Konsum legaler Drogen dabei nur selten: in 10,5 Prozent der Fälle bei Alkohol sowie in 2,9 Prozent der Fälle bei Tabak. Dabei hielten sich die positiven und die negativen Bewertungen beim Alkohol- und Tabakkonsum die Waage. Beweggründe für den Konsum legaler Drogen wurden in den Sendungen kaum benannt.

Für die Studie hatten Forscher das Programm einer "natürlichen Woche" ausgewertet, das an sieben aufeinanderfolgenden Tagen zwischen 13 und 22 Uhr von ProSieben, Sat.1, RTL, RTL Nitro, RTL II, ZDF sowie vom Ersten der ARD gezeigt wurde. Die Dritten Fernsehprogramme der ARD waren nicht Gegenstand der Untersuchung.

Otto sagte dem epd, einerseits müssten Medien "natürlich die Realität abbilden", es sei aber andererseits die Frage, ob den Fernsehmachern dies angesichts dieser Zahlen gelinge. "Wenn etwa bei ProSieben in 60 Prozent der untersuchten Sendungen Alkohol getrunken wird, muss die Frage erlaubt sein, ob das die gesellschaftliche Realität auch abbildet." Die TV-Sender weigerten sich Otto zufolge bisher, eine Selbstverpflichtungserklärung abzugeben, um weniger Konsum legaler Drogen zu zeigen. Darüber sollte man noch mal nachdenken, sagte Otto.

Mit Verboten oder stärkeren Reglementierungen wie in der Werbung kann sich Otto, der selbst unter anderem für das ARD-Politikmagazin "Monitor" arbeitet, aber nicht anfreunden: "Ich setze darauf, dass die Fernsehmacher mehr ihr eigenes Handeln reflektieren." Es sei "sicher keine böse Absicht", dass der Konsum legaler Drogen derart häufig und ohne Einordnung gezeigt werde. "Aber wenn in einem neuen Tatort der ARD im Büro geraucht wird, ist das unnötig - das gibt es in der Realität einfach nicht mehr", sagte der Wirtschaftsjournalismus-Professor.

Die Drogenbeauftragte Mortler sagte den Funke-Zeitungen, die Studie zeige, welche Präsenz Alkohol gerade im privaten Fernsehen habe. Die Medienbranche müsse sich bewusst sein, dass nicht alle Zuschauer über die notwendige Medienkompetenz verfügen, um diesen Konsum auch einzuordnen: "Die Wissenschaft zeigt heute deutlich, dass derjenige, der im Fernsehen dauernd mit Alkohol konsumierenden Protagonisten konfrontiert wird, auch im realen Leben leichter zur Flasche greift."

Von Daniel Staffen-Quandt (epd)