Entwicklung
Frauen vom "Nationalen Rat der Indigenen" im Oktober 2017 während ihrer Kampagne vor der mexikanischen Wahlkommission
© CIMAC / Cesar Martinez Lopez/CIMAC
"Es gibt keine Grenzen"
Mexikos indianische Frauen kämpfen für Selbstbestimmung und Würde
Mexiko-Stadt (epd). Sie werden in Mexikos Gesellschaft doppelt diskriminiert - als Frauen und als Ureinwohnerinnen. Doch Bettina Cruz will das nicht hinnehmen. "Wir müssen uns frei machen von dieser Dominanz, vom Patriarchat, von diesem System", sagt die 54-Jährige vom Volk der Zapoteken. Seit Jahrzehnten kämpft sie für die Rechte der indigenen Völker, und besonders für deren Frauen. Ausdruck davon sind auch ihre traditionell bestickte Bluse und der lange, wehenden Rock. "In der Hauptstadt wird man damit immer noch anders behandelt, wenn man ein Hotel oder ein Restaurant betritt. Aber das ist Teil des Kampfes."

Die promovierte Agraringenieurin steht an der Spitze des Widerstands gegen ein internationales Windenergieunternehmen, das sich in ihrer Heimat, dem südwestlichen Bundesstaat Oaxaca massenhaft Land sichern will. Die Verträge, die die Konzerne böten, klängen für die armen Bauern verlockend. Wo die Bauern sich wehrten, würden sie eingeschüchtert.

Cruz klärt auf über die Gefahr für die Natur, über den Schaden für die Gemeinschaft. Dieses Engagement bezahlt sie mit Todesdrohungen und körperlichen Angriffen. Mehrere Male verließ sie zeitweise die Heimat, weil sie um ihr Leben fürchten musste. Auch in ihrem eigenen Volk ist sie immer wieder auf Widerstand gestoßen, weil viele Männer Probleme haben mit einer weiblichen Führungsfigur. "Am Ende haben einige Alphamännchen die Organisation verlassen", sagt sie lapidar. "Aber wir arbeiten weiter."

Für Frauen wie Zenaida Gómez ist Cruz eine Inspiration und wichtige Vorkämpferin. Die Angehörige der Tzotzil ist in einem kleinen Dorf im südlichen Bundesstaat Chiapas zuhause, in dem überwiegend Ureinwohner leben. Die Luft ist rein, die Wälder grün, und am Horizont zeichnen sich die Hügelketten des mexikanischen Hochlands ab. Doch es gibt kaum Straßen, oftmals keinen Strom oder fließendes Wasser.

Besonders die Frauen, die in den Dörfern bleiben und nicht Arbeit in der Stadt suchen wie ihre Männer, sprechen selten Spanisch. Schon in der Schule sorgt das für Diskriminierung. "Es war die reinste Verachtung, die einem entgegenschlug, schon wenn man die Schwelle des Klassenraums betrat", erzählt Gómez mit leiser Stimme und Akzent. Den UN zufolge schließt die Hälfte der indianischen Frauen in Mexiko die Grundschule nicht ab.

Die Frauen heiraten früh und bekommen die ersten Kinder im Teenager-Alter. Bei Komplikationen ist das nächste Krankenhaus nur schwer erreichbar, die Behandlung mangelhaft. Geld für Medikamente fehlt meist. Laut dem mexikanischen Gesundheitsministerium liegt die Müttersterblichkeit in Chiapas etwa 43 Prozent höher als im Rest der Landes. Insgesamt gilt: Gemeinden von Ureinwohnern, die rund zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, hinken der Entwicklung im Rest des Landes hinterher.

Fester wird die Stimme von Zenaida Gómez, wenn sie von Maria de Jesús Patricio erzählt. Die Angehörige vom Volk der Nahua von der Ostküste wurde vom "Nationalen Kongress indianischer Völker" als Präsidentschaftskandidatin für die Wahl im Juli aufgestellt. Zwar kam Marichuy, wie sie überall genannt wird, nicht auf die nötigen Unterstützerstimmen, um auf dem Wahlzettel zu erscheinen. Dennoch habe der Versuch bleibende Wirkung, sagt Cruz. "Es gibt keine Grenzen für uns Frauen, wenn wir sie uns nicht selber setzen, wir können alles werden, was wir wollen!"

Die Frauen, die Marichuys Kampagne unterstützt haben, trugen ihre einheimische Tracht und nannten den Namen ihres Volkes voller Stolz - was in den mexikanischen Medien hohe Wellen schlug. Daran wollen Cruz und ihre Mitstreiterinnen anknüpfen. "Wir dürfen nicht erwarten, dass sich alles auf einmal ändert", sagt sie. "Aber wir müssen in unserer eigenen Umgebung anfangen, die Dinge zu verbessern."

Auch Zenaida Gómez, die vom Staat und den Behörden schon längst nichts mehr erwartet, hat Mut gefasst. "Wir müssen uns einfach selbst organisieren", sagt sie. Und diesmal klingt die Stimme sogar etwas lauter.

Von Sonja Gerth (epd)