Entwicklung
Das Internationale Tribunal für die Rechte der Natur ist in den Tipnis-Nationalpark gekommen.
© epd-bild / Coordinadora de Defensa de los Territorios
Ein Schnitt durch die Grüne Lunge Boliviens
Tieflandindianer wehren sich gegen eine Fernstraße
Quito/La Paz (epd). Wenn Cecilia Moyoviri über ihre Heimat spricht, nimmt ihre Stimme einen anderen Klang an, sie wird fest und bestimmt. "Der Nationalpark ist unsere Speisekammer, unsere Apotheke - unser Zuhause," betont Moyoviri. Die energische kleine Frau vom Volk der Trinitarios ist Vizepräsidentin einer Organisation von Tieflandindianern, die im Nationalpark und Indianerschutzgebiet Isiboro Sécure (Tipnis) im Zentrum von Bolivien leben. Sie befürchten, dass eine geplante Fernstraße den Regenwald und ihren Lebensraum am Fuß der Anden zerstören wird.

Um ihr Zuhause - sie nennt es "la casa grande" (das große Haus) - und ihre Rechte als Ureinwohnerin zu verteidigen, ist Moyoviri zusammen mit anderen Aktivisten in die Regierungsstadt La Paz gereist. Die Fernstraße durch den Nationalpark ist ein Vorhaben des sozialistischen Präsidenten Evo Morales und soll die beiden Departments Cochabamba und Beni verbinden.

Ein Abschnitt der geplanten rund 300 Kilometer langen Trasse würde mitten durch den Nationalpark führen. Das seit 1965 bestehende und rund eine Million Hektar große Schutzgebiet mit großer Artenvielfalt gilt als Grüne Lunge Boliviens. Rund 12.000 Tieflandindianer aus drei Gruppen leben nach Schätzungen dort.  

Morales griff vor ein paar Jahren alte Pläne für den Straßenbau auf, musste sich aber zunächst angesichts des Widerstands der Ureinwohner geschlagen geben. Das Projekt wurde ausgesetzt, und im Oktober 2011 erkannte das Parlament dem Gebiet einen besonderen Schutzstatus zu, erklärte es für unantastbar.  

Doch ganz zu den Akten legte die Regierung die Pläne nicht. Der erste Abschnitt außerhalb der geschützten Zone wurde im vergangenen Jahr feierlich eingeweiht. Die Strecke durch das Naturschutzgebiet liegt offiziell auf Eis, doch Ureinwohner beklagten laut lokalen Medienberichten im vergangenen Jahr, dass bereits Brückenarbeiten begonnen hätten.

Im August 2017 hob das von der sozialistischen Regierungspartei dominierte Parlament den besonderen Schutzstatus des Nationalparks wieder auf und begründete dies mit einer Befragung im Jahr 2012. Damals hatten sich nach Regierungsangaben die Mehrheit der indianischen Gemeinden für den Bau der Fernstraße ausgesprochen.  

Moyoviri erkennt diese Befragung allerdings nicht an. Ihre Organisation sei vorher nicht informiert worden, und nicht alle 64 Gemeinden in ihrer Zuständigkeit seien befragt worden. Zugestimmt hätten vor allem Gemeinden, die der regierungsnahen Organisation Conisur angehörten. Diese vertritt ebenfalls Indianergemeinden im Tipnis.  

Die Regierung argumentiert, die Gemeinden im Nationalpark würden durch die Straße eine bessere Grundversorgung bekommen, die extreme Armut würde reduziert. "Uns nützt die Straße gar nichts, sie verläuft viel zu weit weg. Unsere Gemeinden liegen direkt an Flüssen", erklärt dazu Moyoviri, die mit ihrer Organisation Subcentral Tipnis rund 64 Gemeinden vertritt.

Die Indianer befürchten, dass sich die Siedler, die sich am Rande des Naturschutzgebietes niedergelassen haben, mit der Straße weiter ausbreiten und mit ihnen der Kokaanbau. Die Regierung bestätigte, dass in dem Gebiet nahe des Parks rund 400 Hektar Fläche für den Kokaanbau genutzt würden. Das UN-Büro zur Drogenbekämpfung spricht gar von 1.100 Hektar.  

Die Ureinwohner im Widerstand holten sich internationale Hilfe und wandten sich an das Internationale Tribunal für die Rechte der Natur, das den Fall Tipnis im November 2017 bei der Klimakonferenz in Bonn verhandelte. Eine Kommission reiste Mitte August nach Bolivien, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Doch nicht überall wurden die Mitglieder mit offenen Armen empfangen. Regierungsnahe Anwohner hielten die Kommission bei ihrem Besuch mehrere Stunden fest.  

Das Tribunal war nach der Konferenz der Völker gegen den Klimawandel 2010 in Cochabamba aus der Zivilgesellschaft heraus entstanden. Die Mitglieder der Bolivien-Kommission beklagen, dass die Regierung Morales die Rechte der Natur verletze. Dieselben Rechte, für die sich Morales als erster indianischer Präsident Boliviens in der Universellen Erklärung für die Rechte von Mutter Natur stark machte und die später in der Verfassung festgeschrieben wurden.  

Die Regierung machte bereits klar, dass das Urteil des Tribunals für sie nicht bindend ist. Trotzdem werde die Entscheidung, die im Laufe des September veröffentlicht werden soll, Gehör finden, ist sich Moyoviri sicher. Das Image von Präsident Morales, der sich so gerne als Retter der Natur inszeniert, werde Schaden nehmen. "Seine Maske wird fallen", sagt die Aktivistin und betont: " Wir werden weitermachen, bis die Regierung unsere Stimme hört."

Von Regine Reibling (epd)