Entwicklung
Blick über die somalische Hauptstadt Mogadischu
© epd-bild / Bettina Rühl
Die surrende Gefahr
US-Drohnen versetzten die Bevölkerung in Somalia in Angst
Mogadischu (epd). Immer wieder unterbrach Isha Abdule Isaaq ihre Arbeit auf dem Feld und lauschte nach dem bedrohlichen Surren. Häufig bestätigte sich ihre Befürchtung und es näherte sich eine der US-Drohnen, die sie seit etwa zwei Jahren immer wieder in Angst versetzen. Dann blieb der 57-jährigen Somalierin nichts übrig als zu beten, dass keine Bomben fallen. Ihr Dorf Bariire, etwa 60 Kilometer westlich der Hauptstadt Mogadischu, gilt als eine der Hochburgen der islamistischen Shabaab-Miliz, die zum Al-Kaida-Netzwerk gehört.

Inzwischen lebt Isaaq in einem Vertriebenenlager in Mogadischu. Mitte April kam die Gefahr mit mehr Getöse nach Bariire. "Erst sahen wir graue Hubschrauber, dann auch Soldaten", erzählt sie. "Alle trugen Masken, sie kämpften gegen Shabaab-Mitglieder in unserem Dorf." Ihr Mann war wenig später tot, einer von mehreren Zivilisten, wie sie und andere Flüchtlinge erzählen. "Ein Querschläger hat ihn in unserer Hütte getroffen." Einige der Soldaten seien Weiße gewesen, sagt Isaaq. Das erkannte sie trotz der Masken: "Ihre Hände waren zu sehen." Nach dem Tod ihres Mannes packte sie die vier Kinder ihres verstorbenen Bruders, für die sie sorgt, und floh.

Nach eigenen Angaben hat das US-Militär in Somalia 2017 über 30 Drohnenangriffe ausgeführt, mehr als doppelt so viele wie 2016. Der US-amerikanische "Anti-Terrorkrieg", der auch durch Einsätze am Boden unterstützt wird, ist in Somalia umstritten. Auch erklärte Gegner der Shabaab-Miliz lehnen ihn ab. Nicht zuletzt, weil sie die Zahl der zivilen Opfer für zu hoch halten. Bestätigte Opferzahlen gibt es nicht, aber das "securitydata.newamerica.net" sammelt die Zahlen aus öffentlichen Quellen. 2017 gab es demnach 18 zivile Opfer und 238 tote Shabaab-Mitglieder. Ob unter den vermeintlichen Terroristen aber nicht doch Zivilisten waren, überprüft vor Ort niemand.

In Mogadischu teilt nun eine andere Flüchtlingsfamilie ihr Wellblechdach mit Isaaq und den Kindern. Die Hütte ist eng und stickig, nachts reicht der Platz kaum zum Liegen. Nach EU-Schätzungen flohen bis Anfang des Jahres rund 600.000 Menschen vor Krieg, Hunger und Dürre in die Hauptstadt. Inzwischen dürften es noch deutlich mehr sein, denn auf die jahrelange Dürre folgten in diesem Frühjahr heftige Überschwemmungen. Laut den Vereinten Nationen wurden durch die Wassermassen allein im April mehr als 200.000 weitere Somalier obdachlos.

Zwar macht manch einer in Mogadischu derzeit gute Geschäfte - vor allem mit Import/Export, Immobilien oder Hotels. "Aber die Kluft zwischen Arm und Reich wächst", kritisiert die Kinderärztin Lul Abdul Mohamed. Ihre Station für mangelernährte Kinder im Banadir-Krankenhaus sei immer überbelegt. "Eine Nacht, in der kein Kind stirbt, ist die Ausnahme und macht mich glücklich."

Eine Besserung ist nicht in Sicht - auch nicht ein Ende des seit 27 Jahren herrschenden Krieges. Die letzte Enttäuschung war Präsident Mohamed Abdullahi Farmajo. Im Februar 2017 setzte er sich bei einer sehr eingeschränkt demokratischen und durch Korruption massiv beeinflussten Wahl überraschend gegen den bisherigen Amtsinhaber Hassan Sheikh Mohamud durch. Der 56-Jährige galt als integrer Reformer, sein Sieg als Triumph über das korrupte und verknöcherte somalische Clan-System.

"Ich habe ihn damals begeistert begrüßt", sagt der Geschäftsmann Mohamed Dini. "Aber er ist noch schlimmer als sein Vorgänger." Mohamud sei nur korrupt gewesen. "Farmajo ist korrupt und repressiv." Dini leitet den Dachverband zivilgesellschaftlicher Organisationen Soscena. Obwohl er überzeugt ist, dass er sich damit in Gefahr bringt, scheut er keine klaren Worte: "Früher haben wir nur die Shabaab gefürchtet. Heute fürchten wir Al-Shabaab und die Regierung." Und nach kurzer Pause ergänzt er leise: "Ich bin dankbar für jeden Tag, den ich überlebe."

Somalia hat erst seit 2012 eine international anerkannte Regierung, davor galt es jahrzehntelang als ein Paradebeispiel für einen gescheiterten Staat. Allerdings kontrolliert die Shabaab-Miliz immer noch weite Teile des Landes. Ihr Ziel ist ein islamischer Gottesstaat am Horn von Afrika. Die Terrorgruppe verübt regelmäßig schwere Anschläge auf Zivilisten und Regierungseinrichtungen. Daran hat auch die Präsenz der afrikanischen Eingreiftruppe Amisom mit 22.000 Mann wenig geändert. Und auch nicht der Drohnenkrieg der USA.

Eine Studie des UN-Entwicklungsprogramms UNDP untermauert die Bedenken der Kritiker des US-Einsatzes. Sie untersuchte 2017, warum sich Menschen radikalisieren. Gut 70 Prozent der Befragten schlossen sich einer Terrorgruppe an, nachdem sie von der Regierung oder der Armee ihres Landes massives Unrecht erfahren hatten. Beispielsweise waren ein Angehöriger oder ein Freund getötet oder verhaftet worden. Für Somalia und den dortigen "Anti-Terrorkrieg" lässt das nichts Gutes hoffen.

Von Bettina Rühl (epd)