Entwicklung
Gepanzertes Fahrzeug der UN-Mission Minusma in Gao in Nordmali (Archivbild)
© epd-bild/Bettina Rühl
Die Hölle in der Wüste
Im Norden von Mali werden Migranten gefoltert und ausgebeutet
Gao (epd). Bamba Salia wird die Bilder nicht mehr los. Von den Leichen der drei Männer im Sand, die nach einem Fluchtversuch hingerichtet wurden. Von Männern, die unter ihren Lasten in der malischen Wüste zusammenbrachen und in der Sonne fast verglühten, und anderen, die in der Hitze Löcher graben und wieder auffüllen mussten, bis sie erschöpft kollabierten. Niemals hätte der 30-Jährige für möglich gehalten, was Menschen anderen Menschen für Geld antun können, bis er in Nordmali ankam und selbst misshandelt wurde.

Von den libyschen Foltercamps, in denen Migranten gequält werden, hatte Salia nichts gehört, als er im Sommer 2016 seine Heimat Elfenbeinküste in Richtung Norden verließ. "Ich bin von der Hauptstadt Abidjan aus nach Algerien aufgebrochen", erzählt er. "Ich bin verlobt und wollte das Geld für meine Hochzeit verdienen." Europa sei nie sein Ziel gewesen. Mit ruhiger, fester Stimme erzählt er von seiner Odyssee. Denn jetzt ist Salia immerhin in Sicherheit, zurück in der nordmalischen Stadt Gao, im "Haus der Migranten".

Dem kräftigen Ivorer erging es wie vielen anderen: Von Abidjan bis Gao wirkte alles ganz vielversprechend. Doch dann verlor er die Kontrolle über seine Reise, wurde zum Spielball der Schlepper. Eingepfercht in einen vollgestopften Lkw landete er in einem riesigen Haus in der Region Talanda, auch Talhandak genannt, in der Wüste nördlich von Gao. "Da waren schon gut 200 Menschen gefangen, mit unserem Konvoi kamen noch 80 dazu." Um weiterreisen zu können, habe jeder umgerechnet knapp 40 Euro zahlen müssen. Doch alle Migranten waren auf ihrem Weg nach Norden schon so oft ausgeraubt worden, dass fast niemand mehr etwas hatte.

"Aber der Chef dort oben ist ein Teufel", sagt Salia über den Mann, der nach dem Ort Mohamed Talanda genannt wird. Die Migranten seien geschlagen worden, zur Mittagszeit in den glühend heißen Wüstensand gelegt, bis zum Kollaps zur Arbeit gezwungen. "Sobald wir schrien, riefen unsere Peiniger unsere Familien an, damit sie Geld für unsere Freilassung schicken." Dank des Zahlungsverkehrs über Mobiltelefone ist das in Afrika selbst im letzten Winkel kein Problem.

Eric Alain Kamdem, der Leiter des "Hauses der Migranten", kennt solche Geschichten. "Seit Ende 2014 höre ich regelmäßig Berichte darüber, dass in Talanda Migranten systematisch gequält werden", sagt er. Manche Migranten kämen mehr tot als lebendig bei ihm an. "Ich habe viele von ihnen zu den Behörden gebracht", sagt der Chef der katholischen Einrichtung mit Zorn in der Stimme. "Von denen erwarte ich, dass sie die Bürger schützen." Aber die Antwort sei immer dieselbe: Die Regierung habe keine Kontrolle über das Gebiet, es sei in der Hand bewaffneter Rebellen.

Islamistische Milizen besetzten den Norden Malis 2012. Zwar wurde die Spaltung des Landes durch einen militärischen Einsatz Frankreichs und einer UN-Mission verhindert, doch die Region ist faktisch bis heute in der Hand der bewaffneten Gruppen. Er habe bereits 2015 mit Vertretern der UN-Mission Minusma gesprochen, an der auch die Bundeswehr mit bis zu 1.000 Soldaten beteiligt ist, erzählt Zufluchtshaus-Leiter Kamdem. "Sie haben gesagt: Vielen Dank, wir schauen mal, was wir tun können. Seitdem habe ich nie wieder von ihnen gehört."

Salias Verwandte brauchten eine Woche, um ihm die 40 Euro für seine Freilassung zu schicken. Während dieser Zeit sei er mehrmals täglich geschlagen worden, erzählt er so sachlich er kann. Die Gefangenen schliefen in überfüllten Räumen, der Platz reichte nur, wenn alle auf der Seite lagen. Hinzu kam der Hunger, der immer bohrender wurde. "Wir bekamen etwas Wasser, sonst nichts." Gegessen hätten sie nur die paar Kekse, die einige der Neuankömmlinge mit ihnen teilten. Jetzt ist er auf dem Rückweg, um den Lohn von anderthalb Jahren Plackerei auf einer Baustelle betrogen.

Auch die UN-Mission weiß von Grausamkeiten in der Region. Sprecherin Myriam Dessables erläutert dem epd auf Anfrage: "Wir haben von einem gewissen Talanda, der Flüchtlinge quälen soll um Geld zu erpressen, noch nie gehört." Der Minusma sei aber mehrfach berichtet worden, dass Flüchtlinge in der fraglichen Region misshandelt würden. Das geschehe im Norden von Mali in mehreren Siedlungen, darunter auch in der Gegend um Talanda. Demnach folterten Schlepper ihre Opfer, um Geld von deren Familien zu erpressen. "Beweise für diese Anschuldigungen hat die Minusma allerdings nicht." Das liege nicht zuletzt daran, dass die Region seit Ende 2015 in der Hand von Terroristen sei und deshalb nicht zugänglich für die UN-Soldaten.

Die Vereinten Nationen und die malische Regierung haben Teile des Landes offenbar aufgegeben. Obwohl offiziell ganz Mali der Regierung untersteht, haben bewaffnete Gruppen und kriminelle Banden bestimmte Regionen längst wieder unter Kontrolle. Flüchtlinge und Einheimische sind den Milizen schutzlos ausgeliefert.

Von Bettina Rühl (epd)