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Autor Schmidt: "Gladbeck"-Film "entfacht einen emotionalen Sog"
Ludwigsburg (epd). Im August dieses Jahres ist es 30 Jahre her, dass zwei Gangster eine Bankfiliale in Gladbeck überfielen. Bei der anschließenden Flucht durch Deutschland und die Niederlande kamen zwei Geiseln und ein Polizist ums Leben. Das Erste zeigte am 8. und 9. März den zweiteiligen Spielfilm "Gladbeck", der die Ereignisse von damals neu aufarbeitet. Autor Holger Karsten Schmidt (52) sagt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Ich bin mit einem Aufklärungswillen an das Drehbuch herangegangen und nicht mit einem Verurteilungswillen."

epd: Herr Schmidt, was erwartet den Zuschauer?

Holger Karsten Schmidt: Der Film ist harter Tobak, deshalb hat die ARD völlig richtig entschieden, ihn auf zwei Abende zu verteilen. Nachdem ich den fertigen Film selbst gesehen hatte, machte sich bei mir dieselbe Fassungslosigkeit breit, die ich auch schon empfunden habe, als ich mich für die Recherchen durch die Untersuchungsausschussberichte gepflügt habe. Ich denke, dass es dem Zuschauer ähnlich gehen wird. Der Film hat eine soghafte Wirkung.

epd: Dieser Sog entsteht vor allem dadurch, dass "Gladbeck" der Opferperspektive viel Raum lässt. Der Geiselgangster Hans-Jürgen Rösner, der noch im Gefängnis sitzt, hat erfolglos versucht, gegen den Film juristisch vorzugehen. Er befürchtet, dass durch die Konzentration auf die Opferperspepktive seine Wiedereingliederung in die Gesellschaft gefährdet wird. Warum ist die Sicht der Opfer so wichtig für den Film?

Schmidt: Die Täter standen bislang immer im Mittelpunkt, die bisherigen Verfilmungen haben die Opfer meines Erachtens nach kaum beleuchtet.

epd: Im August 1988 begleiteten Kameras die Geiseln quasi bis in den Tod. Man könnte auch sagen: "Gladbeck" benutzt die Opfer und ihre Schicksale ein zweites Mal, um das Fernsehpublikum zu unterhalten. Welchen Mehrwert bietet der Spielfilm denn im Vergleich zu einer guten Dokumentation?

Schmidt: Der Mehrwert ist ganz klar der schon erwähnte emotionale Sog, den der Film entfacht. Das kann eine Doku nicht leisten. In einer Doku gibt es ständige Wechsel: ein Zeitzeuge nach dem nächsten wird befragt, unterbrochen von Einspielern. Dadurch kann ich einen Zuschauer aber nie 90 Minuten lang einmal komplett durchziehen durch den Stoff.

Teilweise haben wir heute auch eine andere Faktenlage. Bei vergangenen Verfilmungen standen beteiligte Polizeibeamte beispielsweise noch im Dienst. Der SEK-Mann, der am Ende gegen seinen eigenen Kenntnisstand zugreifen muss und versucht, Silke Bischoff zu reanimieren, der sagt heute, er träumt noch davon. Der ist immer noch nicht fertig damit. Das sind Sachen, die er seinerzeit, als er noch im Dienst war, so nicht sagen konnte. So gibt es hier und da Informationen, die Leute im Nachhinein rauslassen oder anders bewerten. Auch deshalb hat der Film seine Berechtigung.

epd: Warum ist der emotionale Sog wichtig, über den Unterhaltungswert hinaus?

Schmidt: Dieser Sog entsteht ja nicht allein durch die Opferperspektive, sondern auch dadurch, dass der Zuschauer in andere Rollen hineinschlüpfen kann, zum Beispiel in die von Friedhelm Meise, der Einsatzleiter der Gladbecker Polizei war. Meise musste entscheiden: Gehen wir in die Bank rein oder nicht? Ich habe das als 23-Jähriger, als die Ereignisse stattfanden, nicht verstanden, warum die Bank nicht gestürmt wurde. Jetzt habe ich es verstanden. Keiner hat es sich damals leicht gemacht. Ich bin mit einem Aufklärungswillen an das Drehbuch herangegangen und nicht mit einem Verurteilungswillen. Ich wollte dem Zuschauer die Möglichkeit geben, die Ereignisse zu verstehen, damit er sich selbst eine Meinung bilden kann. Ich wollte keine Diskussion im Fernseher, sondern vor dem Fernseher.

epd: Wie lange haben Sie für den Film recherchiert?

Schmidt: Die erste Recherche hat ein Rechercheur übernommen, der im Archiv von "Spiegel" und "Stern" recherchiert hat. Nachdem ich die erste Fassung geschrieben hatte, musste ich durch diverse andere Quellen feststellen, dass das nicht valide ist, was "Spiegel" und "Stern" berichteten, dass Sachen erfunden wurden. Ich habe daraufhin wieder von vorne angefangen und mir die Untersuchungsausschussberichte aus Köln und Bremen geholt, die insgesamt um die 600 bis 700 Seiten umfassen. Alles in allem habe ich ungefähr drei, vier Monate für den Film recherchiert.

epd: Haben Sie auch Zeitzeugen getroffen?

Schmidt: Mit Zeitzeugen habe ich gar nicht gesprochen, ich hatte nicht einen einzigen direkten Kontakt. Ich wollte vermeiden, dass ich meine objektive Sicht verliere und das Drehbuch ein Monument für die Opfer wird. Mir war es von Anfang an wichtig, dass ein Rechercheur dazwischen geschaltet wird, der die Leute befragt.

epd: Hätten Sie die beiden Täter, Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner befragen wollen?

Schmidt: Nein, mir ging es ja vor allem um die Opferperspektive. Die einzige Frage, die mich wirklich interessiert hätte und die ich wirklich gerne stellen würde, wäre: Bereuen Sie es?

epd-Gespräch: Ellen Nebel