Kirche
Sommercamp der Aktion Sühnezeichen in der KZ-Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen bei Osnabrück
© epd-bild / Uwe Lewandowski
"Auseinandersetzung mit NS-Diktatur bleibt aktuell"
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste engagiert sich gegen Geschichtsvergessenheit und neuen Antisemitismus
Berlin (epd). Erst kürzlich bekannte der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Thomas Oppermann (SPD), dass sein Freiwilligendienst als junger Mann bei Aktion Sühnezeichen (ASF) die Weichen für seine Laufbahn als Politiker gestellt habe. Sein Engagement bei ASF sei für ihn "ein Schlüsselerlebnis" gewesen. Es habe seinen Wunsch, Politiker zu werden, maßgeblich beeinflusst. Er habe dabei gelernt, "dass sich soziale Gerechtigkeit nicht von selbst einstellt, sondern immer das Ergebnis politischer Einmischung ist", sagte Oppermann in einem RBB-Interview.

Wie dem Bundestagsvizepräsidenten mag es Tausenden anderer Menschen gegangen sein: Ihr Einsatz für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste - meist im jugendlichen Alter oder als junge Erwachsene - hat ihren späteren Lebensweg mitgeprägt. Und das bereits seit 60 Jahren. Am 30. April 1958 wurde die Friedensinitiative auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unter maßgeblicher Mitwirkung des NS-Widerstandkämpfers und evangelischen Christen Lothar Kreyssig (1898-1986) in Berlin gegründet. Im Gründungsaufruf bat Kreyssig "die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land etwas Gutes zu tun".

Ausgangspunkt war die Anerkennung der historischen Schuld für die Verbrechen des Nationalsozialismus sowie die Überzeugung, dass der erste Schritt für Versöhnung von den Tätern und ihren Nachkommen ausgehen müsse. Seitdem engagiert sich die Organisation mit Freiwilligendiensten, Bildungsarbeit und Kampagnen gegen Antisemitismus, Rassismus sowie Geschichtsvergessenheit und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Arbeitsbereiche sind unter anderem Gedenkstätten und jüdische Einrichtungen, Kindertagesstätten, Altenheime, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung oder einer psychischen Erkrankung.

Als eine der wenigen kirchlichen Friedensorganisationen war ASF auch während der Teilung Deutschlands in Ost und West präsent. So engagierten sich in der alten Bundesrepublik die Teilnehmer vor allem in einjährigen Freiwilligendiensten im Ausland für eine Aussöhnung mit den Opfern des Nationalsozialismus. Sie trafen in Israel Holocaust-Überlebende, boten zum Beispiel Hilfe im Alltag an und kamen dabei ins Gespräch über das erlittene Leid unter der NS-Diktatur. ASF-Engagierte in der früheren DDR beteiligten sich unter anderem in Sommerlagern an der Gedenkstättenarbeit im Inland. Sie restaurierten etwa KZ-Gedenkstätten in Buchenwald, Sachsenhausen oder Ravensbrück.

Freiwillige Langzeitdienste und Sommerlager zur kritischen und sensiblen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik sind auch heute noch das Ziel von ASF. Zuletzt hinzugekommen sind weitere soziale Projekte, etwa zur Migrationsgesellschaft oder Obdachlosenarbeit. Neu sind auch ASF-Einsatzstellen in Deutschland für Freiwillige aus dem Ausland. In 13 Ländern ist die Friedensinitiative mittlerweile aktiv. Mehr als 10.000 junge Menschen haben sich in ASF-Langzeitdiensten in den vergangenen 60 Jahren engagiert. Hinzu kommen etwa ebenso viele Teilnehmer in den Sommerlagern.

Einfach ist der Einsatz bei ASF nicht, die Arbeit lasse einen nicht "nur unbekümmert sein", bekennt eine der beiden Geschäftsführerinnen der Organisation, Dagmar Pruin, gegenüber dem epd. Wer sich bei der Friedensinitiative engagieren möchte, sollte "ein ehrliches Interesse, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen", mitbringen. Oft führe etwa eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte die Bewerber zu ASF. Wer bereit ist, Versöhnungsarbeit für begangenes NS-Unrecht zu leisten, dürfe sich aber sicher sein, dass seine Arbeit "wirklich gebraucht und geschätzt wird", betont Pruin.

Auch angesichts des wieder deutlicher zutage tretenden Antisemitismus in Deutschland sieht die Friedensinitiative die Notwendigkeit, ihr Engagement in Zukunft unverändert fortzusetzen. Zwar werde eine sich verändernde Gesellschaft neue Antworten auf Herausforderungen wie Antisemitismus, Rassismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit finden müssen, betont Pruin. Sich immer wieder für Vielfalt, Frieden und Demokratie einzusetzen, bleibe aber ungebrochen aktuell.

Von Christine Xuân Müller (epd)