Newsfeed-Tickermeldung - Zentralredaktion/epd-Zentralredaktion
Entscheidung zu Wittenberger "Judensau" an nächste Instanz verwiesen

Die Entscheidung über die mögliche Entfernung des antisemitischen Schmäh-Reliefs "Judensau" an der Stadtkirche in Wittenberg ist vertagt worden. Richter Thomas Tilch erklärte das Amtsgericht Wittenberg am Montag für nicht zuständig und verwies den Fall an die nächsthöhere Instanz.

Das Amtsgericht dürfe nur Streitwerte von bis zu 5.000 Euro verhandeln, erklärte Tilch. Der Streitwert im Fall der "Judensau" liege jedoch in etwa doppelt so hoch. Damit gab Tilch dem Antrag des Klägers statt, das Verfahren an das Landgericht Dessau-Roßlau zu überweisen.

Das Sandsteinrelief aus dem Jahr 1305 zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut und Juden, die an den Zitzen der Sau trinken. Im Mittelalter wurden durch solche Abbildungen, die auch an anderen Kirchen in Deutschland zu finden sind, Juden geschmäht. Die Debatte um die Wittenberger "Judensau" hatte 2017 - dem Jahr des 500. Reformationsjubiläums - erneut an Fahrt aufgenommen.

Die Zivilklage war von Michael Düllmann eingereicht worden, einem Mitglied einer jüdischen Gemeinde in Berlin. Sie lautete unter anderem auf Beleidigung nach Paragraf 185 Strafgesetzbuch, da die rund 700 Jahre alte Skulptur an der Fassade der Kirche jüdische Mitbürger diffamiere. Düllmann fordert von der Kirchengemeinde, die "Judensau" zu entfernen.
Die Gemeinde lehnt das mit Verweis auf die Erinnerungskultur ab. Sie hatte 1988 ein Mahnmal eingeweiht, das sich unter anderem kritisch mit der Schmähplastik befasst.

Reformator Martin Luther (1483-1546) hetzte besonders in seinem Spätwerk gegen Juden - eine Schattenseite, mit der sich die evangelische Kirche anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 wiederholt auseinandersetzte. Der Überlieferung nach veröffentlichte Luther 1517 an der Wittenberger Schlosskirche seine 95 Thesen mit Kritik an der Kirche seiner Zeit. Der Thesenanschlag gilt als Auslöser der weltweiten Reformation, die die Spaltung in evangelische und katholische Kirche zur Folge hatte.