Von Science-Fiction zum Klinikalltag

s:95:"Patient Manouchehr Sarshar beim Pilotprojekt zur Steuerung eines Rollstuhls durch Gedankenkraft";
Patient Manouchehr Sarshar beim Pilotprojekt zur Steuerung eines Rollstuhls durch Gedankenkraft
In Bochum steuern Patienten ihren Rollstuhl mit Gedankenkraft
Bochum (epd)

Manouchehr Sarshar schwitzt ein bisschen unter seiner roten Haube. Mit konzentriertem Gesichtsausdruck schaut der 59-Jährige nach vorne und lenkt seinen Rollstuhl Richtung Ausgang. Dabei bewegt er weder Füße noch Hände. Die sogenannte Enzephalographie-Haube, die an eine Badekappe erinnert, erfasst über Elektroden seine Hirnaktivität. Denkt Sarshar an seine Hände, fährt der Rollstuhl nach rechts. Denkt er an seine Füße, lenkt er das Gefährt nach links - und strahlt am Ende über das ganze Gesicht.

Die Kraft der Gedanken hat schon viele Science-Fiction-Abenteuer inspiriert - von der Telekinese der Jedis in "Star Wars" bis zum übernatürlich begabten Mädchen Eleven in der Netflix-Serie "Stranger Things". Nun rückt die Möglichkeit, Gegenstände nur mit den Gedanken zu bewegen, immer näher an den Alltag. Manouchehr Sarshar ist einer von vier Patienten, die im Bochumer Uniklinikum Bergmannsheil erfolgreich ein Training zur Steuerung eines Rollstuhls durch Gedankenkraft absolviert haben.

Was in Filmen actionreich aufbereitet wird, ist in der Realität vor allem eins: harte Arbeit. Das entwickelte System erfasst die elektrischen Impulse im Gehirn und übersetzt sie in Befehle für die Steuerung des Rollstuhls. "Für mich ist das immer noch richtig faszinierend", sagt Sarshar. "Es ist sehr anstrengend, aber ich bin stolz, dass ich mitmachen darf und die Forschung unterstützen kann."

Nicht nur im Labor

Bei einem Autounfall wurde Sarshars Halswirbelsäule schwer verletzt. Seitdem ist er von der Brust abwärts gelähmt, seine Arme und Finger kann er nur teilweise bewegen. Mit dem Pilotprojekt des sogenannten Brain-Computer-Interface (BCI), einer Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer, wollen die Bochumer Ärzte die Technologie vom Labor zu den Patienten in den Klinikalltag bringen. Dabei arbeiten sie mit Wissenschaftlern der Schweizer École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) zusammen.

"Wir konnten nun nachweisen, dass die Technologie auch bei Patienten funktioniert und nicht nur bei gesunden Menschen unter Laborbedingungen", sagte Thomas Schildhauer, Ärztlicher Direktor am Bergmannsheil-Krankenhaus. Wenn Patienten durch Gedankenübertragung wieder mobil gemacht werden könnten, sei das ein "bedeutender Schritt hin zur Integrierung in normales Umfeld". Dahinter stehe allerdings ein hartes Training, sagt Ramón Martínez-Olivera, leitender Arzt der Abteilung für Neurochirurgie an der Bochumer Klinik. Die Patienten üben zehn bis zwölf Wochen lang je drei Tage pro Woche.

Und nicht nur der Patient, sondern auch das System muss lernen: Eine künstliche Intelligenz (KI) gleicht dabei die Aktivitätsmuster des Patienten im Ruhezustand und im aktiven Zustand ab. So lernt das BCI-System, die Gedanken zu erfassen und sie in den jeweiligen Steuerbefehl zu übersetzen.

Zehn Patienten sollen bei dem Projekt trainiert werden. Allerdings sei es nicht ganz einfach, geeignete Kandidaten zu finden, sagt Mirko Aach, leitender Arzt der Abteilung für Rückenmarkverletzte am Bergmannsheil-Krankenhaus. Viele Patienten seien hochgelähmt und abhängig von Beatmungsgeräten. Dabei könnten akute medizinische Probleme das Training erschweren.

KI und Robotik halten seit einigen Jahren verstärkt Einzug in die Gesundheitsbranche. Laut einer Studie der Unternehmensberatung PWC sind 64 Prozent der Entscheider in der Gesundheitswirtschaft überzeugt davon, dass KI das deutsche Gesundheitssystem grundlegend verändern wird. Konkrete Schritte in die Richtung hätten allerdings erst 30 Prozent eingeleitet.

Noch weiter Weg

In Krankenhäusern und Pflegeheimen werden in Projekten etwa Pflegeroboter getestet und Elektroskelette für die Rehabilitation eingesetzt. Im chinesischen Guangzhou und in Kalifornien wird zurzeit erforscht, inwieweit selbstlernende Systeme und Algorithmen Diagnosen stellen können. Eine Diagnose-App für die Notaufnahme testen die Unikliniken Essen und Gießen/Marburg.

Im medizinischen Alltag angekommen ist die Technologie aber noch lange nicht. Ähnliche Ansätze wie im Bergmannsheil-Krankenhaus gibt es laut dem Ärztlichen Direktor Schildhauer bisher nur an drei bis vier Zentren in den USA, in Europa sei der Kooperationspartner in Lausanne Pionier auf dem Gebiet. Wann querschnittsgelähmte Patienten die Technologie auch selbstständig nutzen werden, sei noch nicht absehbar und hänge von vielen Faktoren ab: Unternehmen müssten das benötigte Equipment in Serie produzieren. Und bis Krankenkassen neue Technologien mitfinanzieren, vergingen in der Regel Jahre oder Jahrzehnte, sagte Schildhauer.

Für den Alltagsgebrauch hat Sarshar auch noch ein paar Verbesserungsvorschläge. "Die Kappe wäre optisch auf der Straße nicht so schön", sagt der Patient über die rote Kopfbedeckung. "Und man kann währenddessen nicht sprechen, wenn einem zum Beispiel Bekannte auf der Straße entgegenkommen." Denn die Steuerung mit Gedankenkraft kostet den Rollstuhlfahrer zurzeit noch sämtliche Konzentration.

Von Nora Frerichmann (epd)