Streetworker gegen Einsamkeit

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Ralf Emmerich (M.) am Georg-Freundorfer-Platz in München
München (epd).

Der Sozialpädagoge Ralf Emmerich geht zielstrebig in Richtung Georg-Freundorfer-Platz im Münchner Westend. Dort ist gerade Wochenmarkt. Die Leute kaufen Lebensmittel an den Ständen ein, während auf den Bänken der Grünanlage ein paar ältere Herren die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne genießen. Diese Rentner wird Emmerich jetzt ansprechen und sich nach ihrem Befinden erkundigen. Denn er ist beruflich als Streetworker unterwegs. Seine Zielgruppe in einem neuen Projekt der Sozialarbeit in München sind Senioren im öffentlichen Raum.

„Für viele Menschen ist Einsamkeit das Problem Nummer eins“, sagt Emmerich. „An zweiter Stelle kommen soziale Probleme und die Gesundheit“, fügt er hinzu. Das Münchner Pilotprojekt heißt „SAVE“ - „Senior\innen aufsuchen im Viertel durch Expert\innen“. Das 2019 vom Stadtrat beschlossene Projekt wurde zunächst im Einzugsbereich von vier Alten-und Servicezentren gestartet. Im Januar dieses Jahres haben die Stadträte beschlossen, es auf weitere fünf Stadtviertel auszudehnen.

Niedrigschwelliges Angebot

„Unsere Erfahrungen bestätigen, dass das Projekt SAVE eine wichtige Ergänzung unserer Angebote darstellt. Es bietet eine sehr niedrigschwellige Möglichkeit, mit älteren Menschen in Kontakt zu treten, die wir sonst nicht erreichen würden“, sagt Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD). Denn viele der angetroffenen Personen hätten kein soziales Netz und würden sich nicht an Hilfseinrichtungen wenden.

Das Projekt SAVE will die Lebenssituation von Seniorinnen und Senioren verbessern. Dafür sind sozialpädagogische Fachkräfte auf festen Routen in Stadtteilen an den Orten unterwegs, an denen sich ältere Menschen regelmäßig aufhalten, und gehen auf diese zu. Sie versuchen, zu ihnen verlässliche und stabile Beziehungen aufzubauen.

Damit ist Sozialpädagoge Emmerich gerade beschäftigt. Er spricht mit einer kleinen Gruppe älterer Herren, erläutert ihnen das Angebot des örtlichen Altenzentrums: Da gibt es Hilfestellung bei Problemen mit Behörden, gesundheitliche Beratung und jeden Tag ein Mittagessen. Seit Februar 2020 ist er zweimal die Woche im Viertel unterwegs, es war ein schwieriger Start unter Corona-Bedingungen. Die Stelle teilt er sich mit einer Kollegin. Beide machen die Erfahrung, dass ein großer Anteil unter den Seniorinnen und Senioren unter Einsamkeit leidet - in Zeiten von Corona noch mehr als vorher.

„Ich habe einfach zugehört“

Da war die gutgekleidete ältere Dame, die am Rande einer Grünanlage mit ihrem Rollator saß. Emmerich und seine Kollegin hatten sie angesprochen, daraus wurde ein 90-minütiges Gespräch. Dabei stellte sich heraus: Kurz nach Ausbruch der Pandemie musste die Frau wegen einer Erkrankung in die Klinik, sie blieb dort drei Monate lang. In dieser Zeit starb ihr Mann. Weil zu den Corona-Maßnahmen die Isolation im Krankenhaus gehörte, konnte sie nicht persönlich von ihm Abschied nehmen. Nach 50 Jahren Ehe war sie plötzlich allein. Sie fühlt sich sehr einsam. „Ich habe einfach zugehört“, sagt Sozialpädagoge Emmerich.

Oder da ist der „Stammkunde“ auf dem Gollierplatz, der schon von weitem grüßt. „Er freut sich, wenn er mich sieht“, sagt Emmerich, „dann ratschen wir ein bisschen zusammen.“ Oder die Frau mit dem Alkohol- und Medikamentenproblem, misstrauisch und ängstlich. Der Sozialpädagoge sagt: „Ich weiß bis heute nicht, wie sie heißt.“

Das Projekt der aufsuchenden Sozialarbeit für Senioren im öffentlichen Raum erreichte seit dem Start vor gut zwei Jahren in den vier Projektvierteln trotz der Corona-Einschränkungen 226 Seniorinnen und Senioren, wie eine Zwischenbilanz des Sozialreferates ausweist. Ein gutes Drittel dieser Senioren habe danach den Weg in Alten- und Servicezentren, zu Sozialbürgerhäusern oder anderen Hilfseinrichtungen gefunden.

Von Rudolf Stumberger (epd)