Psychisch krank und dennoch berufstätig

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Darius W. in der Klostergärtnerei der Alexianer Werkstätten
Der Bedarf an Plätzen in Werkstätten für Behinderte nimmt zu
Köln (epd)

Die Alexianer-Klostergärtnerei in Köln ist für Dagmar S. ein zweites Zuhause. Seit 13 Jahren arbeitet die 60-Jährige hier. "Und wenn ich in ein paar Jahren in Rente gehe, möchte ich ehrenamtlich weitermachen", sagt sie. Geduldig zupft sie gelbe Blättchen von Kräutertöpfen ab, um sie für den Verkauf vorzubereiten. "Ich mache hier so ziemlich alles", sagt sie, etwa Töpfe mit Etiketten bekleben, umtopfen, Material nachbestellen und Hygieneartikel auf die Toiletten verteilen. "Ich bin glücklich hier, all die freundlichen Menschen machen mich froh."

Dagmar S. ist seit vielen Jahren psychisch erkrankt. Seit der Geburt ihrer Tochter vor 35 Jahren nimmt sie Psychopharmaka ein. Psychisch krank zu sein, das sei wie ein innerer Rollstuhl: "Man sieht ihn nicht, aber er ist immer da." Es fällt ihr schwer, morgens aufzustehen und den Tag anzugehen. Dann motiviert sie meist nur der Gedanke an ihre Arbeit in der Gärtnerei. "Hier habe ich eine Aufgabe und fühle mich gesund und wertvoll", sagt sie. In der Klostergärtnerei sind 165 Menschen beschäftigt, die wie Dagmar S. an einer psychischen Beeinträchtigung oder an einer Autismus-Spektrum-Störung leiden.

Will Ausbildung machen

Es gibt zahlreiche Einsatzmöglichkeiten in der Gärtnerei, von der Floristik über die Gemüseproduktion und Landschaftspflege bis hin zum Service im Klostercafé. Darius W. ist unter anderem als Fahrer tätig und liefert Pflanzen an Kunden aus. "Ich fühle mich hier sehr wohl, weil ich hier körperlich tätig sein kann", sagt der 20-Jährige. Andererseits sei es aber auch völlig okay, mal zu sagen "Mir geht’s heute nicht gut" und sich etwas zurückzuziehen.

Darius hatte nach seinem Schulabschluss psychische Schwierigkeiten und kam über eine Wohngruppe für Jugendliche zu den Alexianern. Seit zwei Jahren arbeitet er nun in der Gärtnerei und fühlt sich mittlerweile stark genug, um bald eine Ausbildung im Kfz-Bereich zu machen. "Ich möchte auf jeden Fall auf den ersten Arbeitsmarkt."

Dass es sich bei der Klostergärtnerei um eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung handelt, fällt kaum auf. "Etwa 40 Prozent unserer Kunden kommen gezielt, um uns zu unterstützen", sagt der Leiter der Gärtnerei, Ralf Urfey. Die restlichen 60 Prozent wüssten gar nicht, dass es sich um eine Werkstatt handele, sagte er.

"Wir möchten auch von dem Terminus 'Werkstatt' am liebsten ganz weg", sagt Adam Blana, der Leiter des Sozialen Dienstes der Alexianer-Einrichtungen. Denn der Begriff sei mit einem Stigma behaftet. "Und er gibt auch nicht wieder, wie vielfältig das Angebot mittlerweile ist." Besonders stolz ist Blana auf eine noch sehr junge Einrichtung der Alexianer, das "AlexOffice" in Köln-Kalk. Dabei handelt es sich um eine hochmoderne Werbeagentur mit neuester technischer Ausrüstung, in der sich alles um Grafik- und Web-Design dreht.

Ziel erster Arbeitsmarkt

Viele der hier Beschäftigten seien bereits etwa als Grafiker in diesem Bereich tätig gewesen, hätten den Druck auf dem Arbeitsmarkt aber nicht ausgehalten, sagt Leiterin Cathleen Schirrmann. "Wir holen sie da ab, wo sie sich gerade befinden."

Blana erlebt, "dass der Bedarf nach Plätzen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen immer weiter steigt". Im Jahr 2010 seien es 600 Plätze gewesen, heute sind es mehr als 1.000. "Ziel ist es, in allen Einrichtungen die Beschäftigten für eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt zu stärken." Das gelinge aber nur bei etwa einem Prozent der Beschäftigten. Viele bleiben lange, manche sogar bis zu ihrer Verrentung. Sie verdienen zwischen 150 und 350 Euro im Monat.

Nach den gesetzlichen Richtlinien ist eine Werkstatt für behinderte Menschen verpflichtet, die Löhne der Beschäftigten selbst zu erwirtschaften, sagt Blana. Die Höhe der Löhne hänge vom erwirtschafteten Ertrag ab, welcher zu mindestens 70 Prozent an die Beschäftigten ausgezahlt werden müsse. Darüber hinaus erhalten Werkstatt-Beschäftigte meist eine Erwerbsminderungsrente oder die staatliche Grundsicherung und eine Fahrtkostenerstattung.

Von Barbara Driessen (epd)