"Ohne Gemeinschaftssport droht die Bewegungspandemie"

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Die Corona-Pandemie bremst auch den Vereinssport aus.
Vereine hoffen auf mehr Perspektiven für den Breitensport
Münster (epd).

Das Schild am Eingang beschreibt kategorisch die Corona-Auflagen: „Sport ist nur alleine, zu zweit oder ausschließlich mit Personen des eigenen Haushaltes zulässig.“ Am Sportpark an der Sentruper Höhe im westfälischen Münster tummelten sich früher Dutzende von Vereins- und Uni-Sportlern, um zu rennen, zu springen, zu werfen oder Fußball zu spielen. Jetzt drehen nur vereinzelt einige Männer und Frauen auf der Tartan-Bahn ihre Runde.

Julia Sußiek und Lukas Jürgensen, 26 und 24 Jahre alt, absolvieren ein kurzes Lauf-ABC. Sonst trainieren die Triathleten im Lockdown meist alleine. Zwar sind Schwimmbäder geschlossen, aber Radfahren und Laufen sind in der Pandemie möglich. „Trotzdem fehlen natürlich das Gemeinschaftserlebnis und das sportliche Miteinander“, bedauern die beiden übereinstimmend.

Gymnastik per Video

Von dem Lockdown, der durch das Infektionsschutzgesetz bei hohen Inzidenzen verschärft wurde, ist wie alle Sportvereine auch TriFinish Münster betroffen. Ein gemeinsames Lauf- und Radtraining war nur einen kurzen Sommer lang möglich. Seitdem findet das Vereinsleben meist virtuell statt: „Wir bieten zweimal die Woche Gymnastik per Video an, außerdem Vorträge über Gesundheit, Ernährung und Trainingsmethoden“, sagt der Vorsitzende Matthias Arnold. Zudem gab es virtuelle Indoor-Radrennen. Der Verein versucht, aus der Not eine Tugend zu machen - und hält so die Mitgliederzahl mit rund 250 Männern und Frauen relativ stabil.

Nach Auskunft der Deutschen Triathlon-Union hält sich der Rückgang der Vereinsmitglieder bundesweit mit ein bis zwei Prozent in Grenzen. Aber das gilt längst nicht für alle Sportarten. Und deshalb schlägt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) immer wieder Alarm.

In einem offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wies er bereits im März darauf hin, dass viele der rund 90.000 Sportvereine in Deutschland massiv unter der Pandemie leiden. Mehr als eine Million Menschen seien 2020 aus Sportvereinen ausgetreten. Ohne neue Angebote drohe sich der Rückgang fortzusetzen. Es sei an der Zeit, „dem vereinsbasierten Sport, der sozialen Tankstelle unserer Gesellschaft, endlich wieder eine Perspektive zu geben.“

Laufen und Radfahren sind zwar weiter möglich, aber auch den Triathleten fehlen die sozialen Kontakte: „Ich vermisse den Austausch - und sei es nur das Quatschen auf dem Heimweg nach dem Sport“, sagt Julia Sußiek. Als Gymnastik-Trainerin ist sie zumindest zweimal in der Woche virtuell mit anderen Mitgliedern in Kontakt - aber weil es gerade keine Wettkämpfe gibt, fehle für intensiveres Training manchmal das Ziel und die Motivation.

Der Wettkampf fehlt

Die Wettkämpfe vermisst auch Lukas Jürgensen. Er liebt es, sich in der Mannschaft der Regionalliga auszupowern, mit anderen Sportlern zu messen und „in der Zielzone über das Rennen zu fachsimpeln und bei alkoholfreiem Bier gemeinsam zu chillen“, wie er sagt. Ob die für den Sommer derzeit geplanten Triathlons wirklich stattfinden, ist fraglich.

Ein weiteres Problem durch den Lockdown: Wenn im Breitensport durch fehlende Wettkämpfe die Motivation und die Leistungsbereitschaft sinkt, wirkt sich das langfristig auf den Spitzensport aus. „Ohne Breite gibt es keine Spitze“, erklärt der DOSB. Der Verband setzt darauf, dass es angesichts sinkender Inzidenzzahlen bald neue Spielräume gibt. „Wir hoffen sehr, dass der Rückenwind der steigenden Impfquote und die Ausweitung der Möglichkeiten für Geimpfte, Getestete und Menschen mit überstandener Infektion neue Perspektiven für den Sport bietet“, sagt DOSB-Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker.

Dabei berufen sich die Sportfunktionäre auch darauf, dass das Ansteckungsrisiko im Freien Studien zufolge sehr gering ist. „Sport ist gesund, Sport tut gut - und er motiviert die Menschen, Innenräume zu verlassen. Er bringt sie an die frische Luft, wo so gut wie keine Ansteckungsgefahr besteht“, sagte der Aerolsolexperte Gerhard Scheuch der Wochenzeitung „Die Zeit“. Nach seiner Ansicht ist sogar im Fußball ein normales Mannschaftstraining möglich. Bislang müssen Freizeit-Kicker im Verein den Profis in der Bundesliga neidvoll zuschauen.

Bewegungsmangel führe zu Übergewicht, Folgeschäden können Bluthochdruck oder Diabetes sein, warnen Sportwissenschaftler. „Wir produzieren die Kranken der Zukunft“, erklärt Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln. Er warnt in zahlreichen Interviews eindringlich vor einer „Bewegungs-Pandemie“. „Wir sind der Meinung, dass Sport und Bewegung zur Gesunderhaltung beitragen und somit Teil der Lösung sind“, betont auch die Sprecherin der Deutschen Triathlon-Union, Eva Werthmann.

Auch wenn vorerst noch die Gemeinschaft und die Wettkämpfe fehlen, trainieren Julia Sußiek und Lukas Jürgensen natürlich weiter. Bei steigenden Temperaturen sind die ersten Schwimmrunden im Dortmund-Ems-Kanal bereits geplant. Wobei Jürgensen den Schwerpunkt jetzt zunächst auf das Radfahren legt. Er plant eine Mammuttour von Osnabrück über Leipzig nach Berlin: 540 Kilometer an einem Tag.

Von Michael Ruffert (epd)