"Ich habe mich selbst gar nicht mehr wiedererkannt"

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Anti-Baby-Pille
Frauen verhüten seltener mit der Anti-Baby-Pille
Frankfurt a.M. (epd)

Vor sechs Jahren dachte Jennifer Wiemann, sie könne nie mehr von Herzen lachen. Sie empfand vieles als negativ, aß kaum noch etwas und schaffte es nicht mehr zur Arbeit. "Ich bin eigentlich ein lebensfroher Mensch, aber da habe ich mich selbst nicht mehr wiedererkannt", sagte die 28-Jährige dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nicht die etlichen Therapiestunden und Antidepressiva halfen Wiemann, sondern der Griff zum Beipackzettel der Anti-Baby-Pille.

Wiemann nahm die Pille wie selbstverständlich täglich sieben Jahre lang ein. So war es nicht das Verhütungsmittel, das sie zuerst kritisch beäugte. Stattdessen suchte sie Hilfe bei einer Psychologin. Die Scheidung der Eltern, eine gescheiterte Beziehung - aus ärztlicher Sicht hätte all dies ihre depressive Verstimmung auslösen können. Wiemann zweifelte daran: "Natürlich passiert im Laufe des Lebens immer etwas, das einen auch wirklich herunterziehen kann, aber ich hatte das alles als nicht so dramatisch empfunden."

Nutzung rückläufig

Die Wermelskirchenerin traute keinem Arzt mehr, sie prüfte alle Medikamente, die sie regelmäßig einnahm, selbst: "Ich dachte, ich muss jetzt selbst herausfinden, was mir fehlt." Mit der Anti-Baby-Pille verhütete Wiemann zwar schon seit Jahren, fragte sich aber: "Ging es mir in der ganzen Zeit, in der ich die Pille genommen habe, eigentlich mal so richtig gut?" Nein, lautete ihre Antwort - sie setzte die Tabletten ab. Schon drei Monate später sei es ihr bessergegangen, sagt sie.

Als die erste Verhütungspille im August 1960 auf den US-Markt kam - ein Jahr vor der Einführung auf den deutschen Markt -, galt sie als ein Befreiungsschlag der Frau: Sie war das erste Verhütungsmittel, das als Tablette eingenommen werden konnte. Rund 60 Jahre später hat die Pille offenbar an Beliebtheit eingebüßt: Laut einer Repräsentativbefragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 2018 verhüteten 47 Prozent der Befragten zwar mit der Anti-Baby-Pille, ihr Anteil nahm im Vergleich zu 2011 aber um sechs Prozentpunkte ab. Die rückläufige Pillennutzung zeigt sich am deutlichsten bei den 18- bis 29-Jährigen: Dort betrug der Rückgang sogar 16 Prozentpunkte.

"Hartes Medikament"

Gibt es also einen Trend weg von der Verhütung mit der Pille? "Ja, das ist mein Eindruck", sagt Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske von der Universität Bremen und Autor des "Pillenreports 2015" dem epd. Frauen und Mädchen seien heutzutage gut über die Pille und ihre jeweiligen Nebenwirkungen wie Risiken für Thrombosen, Embolien, Libidoverlust und Depressionen informiert. Sie begegneten Verhütungsmethoden, die in den Hormonhaushalt eingreifen, insgesamt zurückhaltender und skeptischer. "Es beginnt mehr und mehr ein Nachdenken darüber, ob wegen der wenigen fruchtbaren Tage, in denen Frauen schwanger werden können, dauerhaft Hormone eingenommen werden müssen."

Die Kielerin Laura Immink entschied sich genau aus diesem Grund dafür, die Anti-Baby-Pille abzusetzen - auch wenn sie keine auffälligen Nebenwirkungen hatte. "Ich habe mich nicht mehr wohl damit gefühlt, jeden Morgen quasi ein hartes Medikament einzunehmen, obwohl ich gar nicht krank bin", sagte sie dem epd. Seit 2019 betreibt Immink den Instagram-Kanal "laura_frauengesundheit", um Frauen über hormonfreie Verhütungsmethoden aufzuklären. Ihr folgen inzwischen rund 6.300 Menschen - und es meldeten sich immer mehr Frauen, die Alternativen zur Verhütung mit der Pille suchen, sagt sie. Die Frauen klagten über Nebenwirkungen oder wollten wie Immink selbst "natürlich verhüten".

Wiemann verhütet heute mit Kondom. "Ich will die Pille trotzdem nicht grundsätzlich verteufeln", sagt sie. Sie sei ein sehr unkompliziertes Verhütungsmittel und sicherlich für viele Frauen gut geeignet. Eine Sache rät sie - wie auch Experte Glaeske - anderen Mädchen und Frauen: genau zu schauen, wie sich Körper und Psyche langfristig mit der Pilleneinnahme verändern.

Von Patricia Averesch (epd)