Einsamkeit mit offenen Augen und Ohren bekämpfen

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Corinna Günzel (r.) und Hanni Meier
Köln (epd).

„Besonders gern habe ich an Corinna, dass sie zuhören kann“, schwärmt Rentnerin Hanni Meier von ihrer 42 Jahre jüngeren Besucherin. „Liebe auf den ersten Blick“ sei es gewesen, als Corinna Günzel das erste Mal bei ihr zu Gast war. Ihre Freundschaft sei ein Weg aus der Einsamkeit im Alter. „Von der Idee, Einsamkeit durch Freundschaft zu bekämpfen, war ich sofort begeistert“, erzählt Günzel, die zunächst an einer Infoveranstaltung des deutschlandweit tätigen Vereins „Freunde alter Menschen“ teilnahm, bevor sie die Kölner Rentnerin kennenlernte.

Rund 14 Prozent der Menschen zwischen 46 und 90 Jahren fühlen sich einsam, das geht aus dem Deutschen Alterssurvey für 2020 hervor. Dabei sei keineswegs immer nur jener einsam, der wenig soziale Kontakte habe, betont Silke Leicht, die stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO).

Künftig, so ihre Prognose, werde die Gesellschaft immer stärker mit dem Thema Einsamkeit im Alter konfrontiert werden. Ein Blick in die Zukunft lasse jedoch auch Hoffnung wachsen: „Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass Menschen aller Generationen bereit sind, vor Ort füreinander zu sorgen und sich umeinander zu kümmern. Auch die digitale Teilhabe könnte zukünftig dabei helfen, der Einsamkeit zu entfliehen“, sagt Leicht. Dennoch: Der direkte soziale Kontakt sei durch Videotelefonie oder andere digitale Angebote nicht zu ersetzen.

„Allein hat man so viel im Kopf“

Ihr Mann sei dement, lebe seit vier Jahren im Pflegeheim, erzählt die 83-jährige Hanni Meier. Ein Gespräch könne man mittlerweile mit ihm nicht mehr führen. Und auch sonst blieben viele Sorgen an ihr hängen, seit ihr Mann nicht mehr zuhause wohne: „Allein hat man manchmal so viel im Kopf“, beklagt Meier. Zwei Stunden in der Woche sitzen Günzel und Meier deshalb zusammen, spielen Karten, reden über das Erlebte der vergangenen Tage.

Ziel des Vereins „Freunde alter Menschen“ ist es, jenen zu helfen, die unter Einsamkeit und Isolation leiden. Er ist Teil der 1946 in Frankreich gegründeten internationalen Föderation „les petits frères des Pauvres“, die sich ursprünglich für verarmte Kriegswitwen einsetzte und heute mehr als 34.000 Freiwillige weltweit zählt. In Deutschland ist der Verein seit 1991 aktiv und betreut zurzeit rund 280 Besuchspartnerschaften, die in Hamburg, Berlin, Köln, München und Frankfurt am Main vermittelt werden.

Wann und warum Meier sich für eine Freundschaft mit Jüngeren entschied und den Kontakt zu dem Verein suchte, weiß sie nicht mehr. Aber: „Ich kann mit Jüngeren einfach besser und bin noch klar im Kopf.“ Gerne würde die Kölnerin mal wieder ins Theater gehen, alleine sei das jedoch einfach nicht mehr möglich. „Außerdem würde mir das so ganz alleine auch gar nicht gefallen.“

„Einsamkeit kann sich im Alter verfestigen“

Nicht nur Meier, sondern auch Günzel zehrt von der Freundschaft zwischen Jung und Alt: „Manchmal sind es die ganz praktischen Dinge, sowas wie ein Rezept. Aber auch bei weniger praktischen Fragen ist ihr Erfahrungsschatz einfach Gold wert“, erzählt die 41-jährige Günzel.

Hanni Meier hat für sich einen Weg gefunden, um Einsamkeit im Alter zu vermeiden. Silke Leicht zufolge schaffen das nicht alle: „Der Einsamkeit zu entgehen muss geübt sein.“ Allerdings habe die Selbstverantwortung der Einsamen auch Grenzen: „Offene Augen und Ohren für seine Umwelt sind wichtig - allerdings auf beiden Seiten. Auch das Umfeld muss aktiv Angebote machen.“ Dass das funktioniere, habe die Lockdown-Zeit während der Corona-Pandemie bewiesen: „Überall Angebotszettel - Einkaufen, den Hund spazieren führen und mehr - genug Möglichkeiten, um Kontakte zu knüpfen.“

Obwohl Einsamkeit auch viele Menschen betreffe, die noch nicht im Rentenalter sind, sei das Risiko im Alter besonders hoch. „Der Ausstieg aus dem Job, die große Entfernung zum Rest der Familie, der Tod des Partners oder gesundheitliche Einschränkungen sind typische Gründe“, sagt Leicht. „Einsamkeit kann sich im Alter verfestigen. Dann ist es umso wichtiger, niedrigschwellige Angebote zu entwickeln, die die älteren Menschen auch erreichen.“ Für die Betroffenen selbst sei es wichtig, Kontakte in der Nachbarschaft oder Freundschaften zu pflegen, empfiehlt sie. Dafür sei es nie zu spät.

Auch Hanni Meier pflegt alte soziale Kontakte - und fährt dafür sogar einmal im Jahr nach Schweden. An der Bauernfamilie, die sie als Kind bei sich aufnahm, habe sie immer sehr gehangen: „Deshalb hält mich auch niemand davon ab, dass ich da jedes Jahr mit dem Wohnmobil hinfahre - das schaffe ich auch noch allein.“

Von Inga Jahn (epd)