Ein Schnitzel für Sterbenskranke

s:44:"Jörg Ilzhöfer bewirtet Hospizgast Christel";
Jörg Ilzhöfer bewirtet Hospizgast Christel
Esslingen, Stuttgart (epd).

„Das ist Kalbsfilet, besser geht es eigentlich nicht“, sagt Jörg Ilzhöfer, reibt noch etwas Zitronenschale über die kleinen, goldgelb panierten Schnitzelstücke und dekoriert sie mit Zitronenscheiben. Anschließend streut er frischen Schnittlauch auf den Kartoffelsalat und salzt ihn leicht nach. „Ich habe gelernt, dass man hier etwas stärker würzen muss.“

„Hier“ - das ist nicht die Event-Kochschule am Stuttgarter Marktplatz, die der Profikoch betreibt, sondern das Hospiz der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde in Esslingen. Etwa einmal im Monat bereitet er dort für die sterbenskranken Gäste Wunschgerichte zu.

„Michelin-Testesserin“

Das Schnitzel ist für Christel, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Langsam kommt sie mit ihrem Rollator zu dem runden Tisch im Wohnbereich des Hospizes und setzt sich vorsichtig. „Hallo, wir kennen uns, wie schön“, begrüßt Ilzhöfer sie und reicht ihr den liebevoll angerichteten Teller, dazu ein Schälchen grünen Salat. „Ich bin Michelin-Testesserin“, sagt die Frau und lacht. Christel lebt seit Ostern 2022 im Hospiz und durfte sich bereits ihre Leibspeise von Ilzhöfer wünschen: Spargel mit Sauce Hollandaise. Dass jemand auf ihre kulinarischen Wünsche eingeht, war für sie „sehr überraschend“, wie sie erzählt.

Ilzhöfer gibt Kochtipps im Radio und stand schon in einem Sternerestaurant in Stuttgart und bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth hinter dem Herd. Seit sechs Jahren bekocht er auch die Menschen, die in dem Esslinger Hospiz ihre letzte Lebenszeit verbringen. Auf die Idee kam er, als er seine Kochschule noch in Esslingen hatte. Eine Hospizmitarbeiterin, die bei ihm im Nebenjob das Geschirr spülte, sei eines Abends traurig zur Arbeit gekommen und habe erzählt, ein Gast sei gerade gestorben. Dieser habe sich gewünscht, noch einmal den Duft von Röstzwiebeln riechen zu können. Leider habe sie es nicht mehr geschafft, ihm seinen Wunsch zu erfüllen.

„Warum hast du mich nicht angerufen? Ich hätte dir die Röstzwiebeln gebracht“, habe Ilzhöfer ihr entgegnet - und daraufhin direkt dem Hospiz geschrieben, dass er sich bereiterkläre, kostenlos die Wunschgerichte von Hospizgästen zu kochen. Meist seien es Klassiker, die gewünscht würden, erzählt er: Maultaschen, Nudeln mit Lachs und Sahnesoße oder Frikadellen. Aber auch ein Hirschragout und die schwäbischen „Sauren Kutteln“, die aus Innereien gemacht würden, seien dabei.

Duft weckt Erinnerungen

„Es ist schön zu sehen, wenn ein Strahlen über die Gesichter geht, weil das Essen so schmeckt, wie man es sich vorstellt“, sagt Claudia Dippon, Leiterin des Stationären Bereichs im Hospiz. Der Duft des Essens sorge dafür, dass Erinnerungen wach würden. Wenn Ilzhöfer in seinem weißen Kochoutfit in die Zimmer gehe und mit den Gästen über Rezepte diskutiere, hebe sich das positiv vom Alltag ab.

Oft wünschten sich die Gäste zu ihrem Geburtstag ihr Leibgericht. „Manche schwärmen auch nach Tagen noch von dem Essen“, erzählt Dippon, „bei manchen ist aber auch Trauer dabei, weil sie wissen, dass es der letzte Geburtstag ist, den sie feiern.“

Einige Menschen sind allerdings schon so schwach oder krank, dass sie das Essen, selbst wenn es püriert ist, nicht mehr genießen können. „Ab und an geht es dann, dass sie ein wenig in den Mund nehmen, um den Geschmack zu spüren“, sagt Dippon. „Aber auch das ist nicht immer möglich.“

Ein weiterer Gast setzt sich zu Christel an den Tisch: Mohinder wohnt seit zwei Wochen im Hospiz und kennt die Kochkünste Ilzhöfers noch nicht. Sein Lieblingsgericht sei das indische Linsengericht Dal, das er schon oft selbst gekocht habe. „Wie wäre es, wenn Sie das nächste Mal ein Dal mitbringen?“, sagt Christel zu Ilzhöfer. „Dann beurteile ich den Kartoffelsalat und er das Dal.“ - „Das lässt sich machen“, entgegnet der Koch und schließt seine graue Warmhaltebox. Heute fällt Christels Urteil schon mal sehr gut aus: Sie hat ihr Schnitzel mit Kartoffelsalat bis auf den letzten Bissen mit großem Genuss gegessen.

Nicht immer erlebe er eine so gelöste Stimmung im Hospiz, sagt der 54-Jährige. Manchmal sei es für ihn auch sehr bedrückend, wenn er Menschen das Essen aufs Zimmer bringe und sehe, dass sie schon sehr schwach seien. Die Besuche im Hospiz sorgten dafür, dass sich für ihn vieles relativiere. Eigene Probleme würden angesichts des Todes klein. „Vieles ist nicht so wichtig, wie man meint“.

Wirbt für ehrenamtliches Engagement

Für ihn sei es schön, dass er den Hospizgästen noch einen Wunsch erfüllen könne. Aber auch wer kein Koch sei, könne sich ehrenamtlich einbringen: Vorlesen, Zuhören, oder ein gemeinsamer Spaziergang im Park - es gebe so viele Möglichkeiten, eine Freude zu machen.

Er selbst hat sich aktiv mit seinem Tod auseinandergesetzt - auch eine Folge seiner Hospizbesuche. „Ich habe alles geplant: Die Musik für meine Beerdigung ist ausgesucht, mein Abschiedsbrief und meine Todesanzeige sind geschrieben. Wenn ich mal nicht mehr da bin, wissen meine Angehörigen, was sie zu tun haben. Dadurch befreie ich sie von schweren Entscheidungen.“

Und ohne zu überlegen weiß Ilzhöfer sofort, welches Gericht er sich wünschen würde: „handgeschabte Spätzle mit einer guten Rahmsoße und einer Bröselschmelze obendrauf“ - seine Leibspeise. „Mehr brauche ich nicht.“

Von Judith Kubitscheck (epd)