Die Babyboomer kommen in die Jahre
Frankfurt a.M. (epd).

In der ARD-Show „Klein gegen Groß“ gewinnen oft die Kinder. Doch Heino Ferch zeigte vor einiger Zeit, was sportlich in ihm steckt. 45 Liegestütz-Planks legte er in einer Minute hin und siegte damit im „Duell“ gegen die zehnjährige Finja. Der Schauspieler ist fit wie ein Turnschuh - und wird in diesem Jahr 60. Damit steht er nicht alleine. In Deutschland überschreiten in den nächsten Jahren so viele Menschen wie noch nie diese Altersschwelle: Im frischen Jahr 2023 werden laut Statistischen Bundesamt rund 1,38 Millionen Menschen 60, ein Jahr später sind es noch mehr: mehr als 1,39 Millionen. Die Babyboomer kommen in die Jahre.

Darunter sind neben Ferch viele bekannte Namen: 2023 steht der runde Geburtstag bei Til Schweiger, Andrea Sawatzki und Guildo Horn auf dem Programm. 2024 trifft es dann den geburtenstärksten Jahrgang 1964. Dazu gehören Jan Josef Liefers, Henry Maske und Jürgen Klinsmann. Die meisten Promis nehmen es gelassen. Die Schauspielerin Marion Kracht („Diese Drombuschs“) wird anlässlich ihres 60. Geburtstages im vergangenen Jahr mit den Worten zitiert: „Ich denke mal, ich habe die Hälfte meines Lebens nun hinter mir.“ Studien zufolge hat eine heute 60-jährige Frau eine Lebenserwartung von rund 86 Jahren, ein 60 Jahre alter Mann kann, statistisch betrachtet, davon ausgehen, mindestens 82 zu werden.

„Altern wandelt sich“

Und jenseits der 60 ist geistig und körperlich noch viel möglich. „Das Altern wandelt sich“, sagt der Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen, Clemens Tesch-Römer. Der Deutsche Alterssurvey - eine Befragung, die seine Forschungseinrichtung regelmäßig herausgibt - zeige, „dass Menschen im höheren Alter heutzutage gesünder sind als noch vor einem Vierteljahrhundert“.

Der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse stimmt dem zu. „In der Tat sind ältere Menschen heute fitter als früher. Im Ausdauersport sind die Leistungsmöglichkeiten im Alter nahezu unendlich ausbaubar“, ist der Bestseller-Autor überzeugt.

Menschen mit 60 oder 70 Jahren, die sportliche Herausforderungen wie Marathon, Triathlon oder Radrennen über die Alpen bestreiten, sind längst keine Seltenheit mehr. „60 ist das neue 30“, trällern die Kastelruther Spatzen. In einer Studie stellte das Deutsche Institut für Altersvorsorge fest, dass sich die Deutschen im Schnitt zehn Jahren jünger fühlen als sie sind. „Downaging“ ist der wissenschaftliche Begriff dafür.

Das Thema bewegt: Autor Jörg Burger setzte sich im vergangenen Jahr im „Zeit-Magazin“ auf fünf Druckseiten mit den gesundheitlichen Beschränkungen und Chancen ab 60 auseinander. Er befragte Sportmediziner, Altersforscher sowie Ärzte und Ärztinnen. Mit unterschiedlichen Ergebnissen: Da wird der renommierte Sportmediziner Herbert Löllgen mit den Worten zitiert, dass nach Studien 60 Jahre alte Freizeitsportler die Marathonstrecke noch immer in der ungefähr gleichen Zeit schaffen könnten wie mit 20, wenn sie weiter richtig trainierten. Danach gehe es für Männer und Frauen bergab. „60 ist schon der Kipppunkt“, wird Löllgen zitiert. Die Ausdauer lasse ab diesem Zeitpunkt nach.

Optimistischer und ähnlich wie Ingo Froböse äußert sich Karl-Dieter Heller, Chefarzt einer orthopädischen Klinik in Braunschweig. Mit 60 ist seiner Ansicht nach sportlich noch vieles möglich. „Bis 70 können Sie, wenn Sie viel trainieren, mit jemandem mithalten, der 30 ist und untrainiert“, zitiert ihn das „Zeit Magazin“.

Und laut Froböse lässt sich auch der Muskelschwund im Alter und jenseits der 60 durch gezieltes Training aufhalten. Sport ist nach seiner Ansicht im Alter immer möglich. „Eine Kontraindikation gibt es bei akuten entzündlichen Erkrankungen wie einer Herzmuskelentzündung, Infektionen oder rheumatischen Erkrankungen mit akuter Problematik“, schränkt er ein.

Altersdiskriminierung

Doch die Fitness der älter werdenden Babyboomer ändert nichts daran, dass ihr Ansehen in der Gesellschaft mit fortschreitenden Jahren offenbar sinkt. Nach einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gelten in Deutschland Menschen ab 61 als „alt“. Und befragt man junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren, sind für diese Männer und Frauen schon mit 57 Jahren „alt“.

Während in anderen Kulturen alte und erfahrene Menschen als „weise“ gelten und hohes Ansehen genießen, ist das in Deutschland nicht der Fall. Die negativen Vorstellungen von Alter, Altwerden und älteren Menschen inklusive der daraus resultierenden Diskriminierungen seien offenbar „tief in unserer Kultur verankert“, bedauert Tesch-Römer. Um dem entgegenzuwirken, plädiert er für einen „Generationendialog“ für mehr Gespräche zwischen Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen.

Denn, auch das zeigt die Studie der Antidiskriminierungsstelle: Alt sind immer die anderen. Wenn Menschen gefragt werden, wo für sie persönlich das Alter anfängt, liegt die Grenze nicht mehr bei 61, sondern bei 69 Jahren.

Für den Sportwissenschaftler Ingo Froböse war die 60 jedenfalls keine Schwelle, „sondern ein großes Fest“. Allenfalls die Schnelligkeit beim Laufen habe seitdem nachgelassen. Das stellt er fest, wenn er gemeinsam mit seiner Frau beim Joggen immer mal wieder einen Sprint einlegt.

Von Michael Ruffert (epd)