Der weite Weg zur Herdenimmunität

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Corona-Impfung (Archivbild)
Frankfurt a.M. (epd).

Nach Ansicht einiger Expertinnen und Experten ist ein Gemeinschaftsschutz gegen Covid-19 durch Impfungen schwer zu erreichen. Dazu sei das Impftempo nicht hoch genug, sagen sie. Eine größere Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern ist zudem weiterhin gegen das Impfen. Genau diese Gruppe ist das Problem: Lassen sich nicht deutlich mehr Impfskeptiker doch noch das Vakzin verabreichen, kann der Gemeinschaftsschutz kaum erreicht werden.

Doch klar ist auch: Ganz egal, ob je Herden- oder Gemeinschaftsschutz geschafft wird, eine möglichst hohe Impfquote ist ein Wert an sich - und kann im Idealfall wie etwa bei den Pocken dazu führen, eine Krankheit weltweit auszurotten.

Laut Robert Koch-Institut (RKI) hat der Begriff Gemeinschaftsschutz eine doppelte Verwendung. Zum einen beschreibt er, dass bei hoher Impfquote die Verbreitung eines Erregers reduziert wird und damit auch ungeschützte Personen ein geringeres Risiko für eine Ansteckung haben. Der Begriff werde jedoch häufig auch gleichgesetzt mit einer bestimmten Impfquote, ab der die Verbreitung des Erregers völlig eliminiert werde.

Notwendige Impfrate umstritten

Wie hoch die Durchimpfungsrate in der Bevölkerung sein muss, ist je nach Krankheit verschieden. So greift laut dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) der Herdeneffekt bei Masern erst ab einer Quote von 95 Prozent. Hierzulande haben bei den Kindern zwischen drei und 17 Jahren 93,6 Prozent beide erforderlichen Impfungen erhalten (Stand 2017). Bei Diphtherie kann Gemeinschaftsschutz dagegen schon ab etwa 80 Prozent geimpfter Bürgerinnen und Bürger erreicht werden. Doch laut RKI lässt nur die Hälfte der Erwachsenen ihren Impfstatus gegen Tetanus und Diphtherie empfehlungsgemäß alle zehn Jahre auffrischen.

Bei Covid-19 ist in der Forschung umstritten, welche Durchimpfungsrate nötig ist. Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass für eine Herdenimmunität eine Quote von 80 bis 85 Prozent nötig ist. Frühere Angaben lagen deutlich darunter. „Mit 85 Prozent wären wir in der Nähe der angestrebten Herdenimmunität“, sagte Weltärztepräsident Frank-Ulrich Montgomery kürzlich dem Deutschlandfunk.

Die aber hält das RKI laut einem Bulletin vom Juli für kaum möglich: „Ob eine Schwelle realistisch ist, ab der Sars-CoV-2 eliminiert werden kann, ist zweifelhaft.“ Auch der Saarbrücker Pharmazieprofessor Thorsten Lehr ist mit Blick auf die Herdenimmunität skeptisch: „Ich glaube nicht, dass sie erreichbar ist.“ Es gebe zu wenig Impfungen und eine zu geringe Impfbereitschaft.

Kein Impfstoff für jüngere Kinder

Weitere Probleme: Es gibt bislang für jüngere Kinder keinen Impfstoff. Folglich können sich Millionen Mädchen und Jungen unter zwölf Jahren noch gar nicht immunisieren lassen. Darum rechnet das RKI auch nur mit den Personen über zwölf Jahren, wenn es seine Prognosen für die Bevölkerungsimmunität herausgibt. Und der Impfschutz schwindet mit der Zeit. Also muss auf Dauer nachgeimpft werden. Zugleich mutiert das Coronavirus, was unter Umständen dazu führen kann, dass vorhandene Impfstoffe nicht oder nicht voll wirken.

Und schließlich verweisen Experten darauf, dass die Corona-Impfstoffe nicht zu 100 Prozent schützen. Was sich schon daran erkennen lässt, dass es auch Infektionen bei Geimpften gibt. Dennoch ist der Sinn von Impfungen unbestritten: sie verhindern über den individuellen Schutz schwere Krankheitsverläufe und damit auch Todesfälle. Aber: Corona wird ähnlich wie die Grippe nach Ansicht der Experten vom RKI wohl nie ganz verschwinden.

Von Dirk Baas (epd)