Der Arzt, der gerne mehr impfen würde

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Mike Müller-Glamann
Wie Hausarzt Müller-Glamann Patienten vor Corona schützen möchte
Hamburg (epd)

Morgens, bevor die Patienten kommen, bereitet Mike Müller-Glamann für sie schon Termine beim Impfzentrum vor. Da er sich etwas intensiver mit der Internetseite des Hamburger Impfzentrums beschäftigt hat, hat er das Anmeldeverfahren mit den QR-Codes verstanden. Er betrachtet es als seine Aufgabe, seine über 80-jährigen Patientinnen und Patienten darin zu unterstützen, möglichst schnell eine Schutzimpfung zu erhalten.

"Kommt ein Impfberechtigter zu mir, muss ich auf dem vorbereiteten Formular einfach nur den QR-Code eingeben und kann gleich sehen, ob es einen freien Termin gibt", sagt Müller-Glamann. "Meine Patienten sind überrascht, wenn ich ihnen sage: An Tag XY um 17 Uhr wäre noch ein Termin für Sie frei."

Vorgesehen ist das nicht. Es gibt keine Anweisung oder Empfehlung, dass Hausärzte so etwas machen können. Müller-Glamann hat einfach irgendwann herausgefunden, dass das möglich ist und bietet es nun seinen Patienten an. 55 Jahre alt ist er, er betreibt eine Hausarztpraxis in Hamburg-Bramfeld. Im vergangenen Jahr hat er viel gelernt und viel improvisieren müssen, so wie alle Hausärzte in Deutschland – und es geht ja noch weiter. Sobald der Impfstoff in seine Praxis kommt, wird er erneut umstellen müssen.

Test-Routine

Es war im Februar 2020, da dachte Müller-Glamann zum ersten Mal: Es passiert etwas, worauf wir nicht vorbereitet sind. Er bestellte vorsorglich Masken, Kittel und Plexiglas, außerdem Luftreinigungsgeräte. Einige Stühle nahm er aus dem Wartezimmer. Dann kam Corona nach Deutschland – und fast kein Patient in seine Praxis. Später fing er an zu testen. "Als ich Ende Mai einen Antikörpertest gemacht habe, fiel der negativ aus – bei mir und allen 15 Mitarbeitern."

Heute sind der Arzt und seine Angestellten alle geimpft. Auch beim Testen ist Routine eingekehrt: Es gibt einen separaten Eingang, vor dem die Leute warten, im Freien und mit Abstand. Jeden Morgen gibt es eine Schlange dort, getestet wird überwiegend mit Schnelltests, bei konkretem Verdacht oder zur Bestätigung auch PCR. Die PCR-Ergebnisse bekommt Müller-Glamann gegen 19 Uhr.

Es ist ihm wichtig, die positiv Getesteten gleich anzurufen. "Bis das Gesundheitsamt sich meldet und eine Quarantäne verhängt, kann es dauern. Die Leute sollten sich aber sofort isolieren." Hat er die Menschen informiert, muss er noch anhand ihrer Postleitzahlen eruieren, welches Gesundheitsamt für sie zuständig ist und schickt diesem dann ein entsprechendes Fax. "Leider leiten die Ämter Informationen untereinander nicht weiter."

Nun soll es bald mit dem Impfen in Hausarztpraxen losgehen. Müller-Glamann rechnet damit, dass er direkt nach Ostern damit beginnen kann – zunächst mit 20 Dosen pro Woche. Die Anzahl der Impfdosen werde "zu Beginn erst langsam aufwachsen", heißt das im Bund-Länder-Beschluss. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) rechnet damit, dass die Hausärzte mit einer Impfsprechstunde pro Woche beginnen können.

"Die impfe ich so weg"

Doch so wird es bei Müller-Glamann am Anfang nicht laufen. Die Impfungen wird er in den laufenden Betrieb integrieren. "Für 20 Impfungen in der Woche ändere ich nichts. Die impfe ich so weg." Anders wäre es, wenn er beispielsweise 100 Impfungen in der Woche hätte. Dafür bräuchte er, wie er vorrechnet, einen zusätzlichen Raum, mindestens eine studentische Hilfskraft, einen neuen Drucker, Computer mit Netzwerk, einen Arbeitsplatz und zwei oder drei weitere Wartemöglichkeiten. "Es ist illusorisch zu glauben, dass ein Hausarzt von heute auf morgen 250 Menschen in der Woche impfen kann."

Müller-Glamann wird das aber wohl bald können – dabei hilft ihm der Zufall: In der Nähe seiner Praxis gibt es ein Neubaugebiet, er kann also auch ohne Corona in Zukunft mit mehr Patienten rechnen. Also hat er im Gebäude nebenan freie Räume für seine Praxis gemietet. Ein paar Wochen noch, dann wird auch dort Betrieb sein.

Von Sebastian Stoll (epd)