"Alexa, spiel Volksmusik!"

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Jörg Ehm erklärt seinem Vater Bruno, wie er mit dem Smartphone "Alexa" steuern kann.
Digitale Sprachassistenten können Senioren im Alltag helfen
Frankfurt a.M. (epd)

Bruno Ehm sitzt in seinem Sessel. Hinter ihm das Sauerstoffgerät, neben ihm Rollator und Gehstock. Der 89-jährige Witwer geht nicht ohne Begleitung aus dem Haus. Morgens und abends kommt der ambulante Pflegedienst, mittags seine Schwiegertochter. Wenn er wieder allein ist in seiner Frankfurter Wohnung, spricht er mit "Alexa" - dem digitalen Sprachassistenten, der bei ihm auf dem Regal über dem Fernseher steht. Er fragt "Alexa" nach der Uhrzeit, dem Wetter oder er macht mit ihr das Radio an.

"Alexa" ist vor zwei Jahren bei dem alten Mann eingezogen. Sein Sohn stellte das Gerät bei ihm auf und richtete es ein. Der Monitor ist ausgestattet mit Mikrofonen und einem Lautsprecher, er lässt sich über Sprachbefehle steuern. "Ich habe ihn unfairerweise gar nicht gefragt, ob er das will", sagt Jörg Ehm. Bis Bruno Ehm die Funktionen des Geräts verstand, dauerte es eine Weile, erzählt sein Sohn. Inzwischen gehört "Alexa" für Bruno Ehm zu seinem Alltag.

Nur wenige Funktionen genutzt

Digitale Lautsprecher wie Amazons "Echo", auch bekannt als "Alexa", sind seit Ende 2016 in Deutschland erhältlich. In einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom mit rund 1.000 Befragten gab im Juli dieses Jahres jeder Vierte an, dass er für seine Wohnung eine digitale Lautsprecherbox gekauft hat. 69 Prozent der Befragten gaben an, über den Sprachassistenten Geräte im Haushalt zu steuern. Dass die Geräte spezielle Funktionen für Senioren bieten, ist der Umfrage zufolge unbekannt. Keiner der Befragten nutzte sein Gerät zum Beispiel für Hausnotrufe.

Auch Bruno Ehm nutzt nur einen kleinen Teil der Funktionen, die "Alexa" bietet. Wäre der digitale Sprachassistent mit anderen Geräten im Haushalt vernetzt, ließen sich die Jalousien per Sprachbefehl hoch- und herunterfahren, die Fenster öffnen und schließen oder auch überprüfen, ob der Herd abgestellt ist. Auch könnte der Sprachassistent Ehm daran erinnern, seine Tabletten zu nehmen.

Per Videoanruf ins Wohnzimmer

Jörg Ehm ist der Meinung, dass "Alexa" als Hausnotrufsystem für seinen Vater nicht geeignet ist. Zu oft sei das Gerät wegen fehlgeschlagener Updates oder Problemen mit der WLAN-Verbindung gestört. Sollte Bruno Ehm im Ernstfall allerdings einmal nicht die Tür öffnen oder ans Telefon gehen, hat sein Sohn eine zusätzliche Option: Er kann sich per Videoanruf jederzeit in das Wohnzimmer seines Vaters schalten - ohne darauf warten zu müssen, dass sein Vater den Anruf aktiv entgegennimmt. "Das ist ein wenig übergriffig, ich habe aber meinen Vater gefragt und das war für ihn in Ordnung." Über die "Alexa"-Videofunktion sprechen und sehen sich Vater und Sohn fast täglich.

Inwiefern digitale Sprachassistenten den Alltag von Senioren erleichtern und sogar Einsamkeit im Alter lindern können, untersucht derzeit das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering in Kaiserslautern. Forscher haben 15 alleinlebende Senioren im rheinland-pfälzischen Ixheim mit "Alexa" ausgestattet. In Kalifornien testen Wissenschaftler, ob sich mit "Alexa" auch das Leben von Senioren in Altenheimen verbessern lässt.

"Hohes Unterstützungspotenzial"

Wolfgang Deiters, Professor für Gesundheitstechnologien an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, schätzt, dass in zehn Jahren deutlich mehr Senioren auf die Hilfe von digitalen Sprachassistenten zurückgreifen werden. "Was für viele 30-Jährige ein Lifestyle-Gerät ist, bietet für 80-Jährige hohes Unterstützungspotenzial", sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Wenn ein Senior zum Beispiel nicht mehr im Dunkeln aufstehen müsse, um auf die Toilette zu gehen, verringere sich die Sturzgefahr. Über "Alexa" könnte der Betroffene noch aus dem Bett heraus das Licht im Badezimmer einschalten.

Auf lange Sicht, glaubt Deiters, könnten Senioren mit Hilfe von Sprachassistenten länger in den eigenen vier Wänden leben. "Mit ihnen kann der Umzug in ein Heim hinausgeschoben werden", sagt Deiters. Darauf hofft auch Bruno Ehm. Und Freude hat er mit dem digitalen Gerät obendrein: Wenn er ihm laut zuruft "Alexa, spiel Volksmusik!" und dann ein zünftiges Akkordeon erklingt.

Von Patricia Averesch (epd)