Mexiko bleibt das gefährlichste Land für Journalisten weltweit
Mexiko-Stadt (epd).

Zuletzt hat es Fredid Román getroffen. Unbekannte töteten den mexikanischen Journalisten, nachdem er sein Haus verlassen und sich in seinen Wagen gesetzt hatte. Von einem Motorrad aus schossen die Killer auf den 59-jährigen. Der Gründer der Wochenzeitung „La Realidad“ war er in letzter Zeit vor allem als Kolumnist tätig. „Jeder, der in Chilpancingo gearbeitet hat, kannte Fredid Román“, sagt die Reporterin Vania Pigeonutt, die auch aus der Landeshauptstadt des Bundesstaats Guerrero berichtet hat.

Mit der Ermordung Románs am 22. August ist die Zahl der seit Beginn des Jahres in Mexiko getöteten Journalisten laut Reporter ohne Grenzen auf 14 gestiegen. Allein im August wurden demnach vier Medienschaffende umgebracht. Die Organisation für Pressefreiheit betont: „Mexiko ist 2022 zum vierten Mal in Folge das gefährlichste und tödlichste Land für Journalisten.“

Seit dem Jahr 2000 sind in dem Land mehr als 150 Journalistinnen und Journalisten ermordet worden, 29 weitere gelten als verschwunden. Wer hinter den Angriffen steckt, bleibt meist unklar, weil die allermeisten Morde nicht strafrechtlich verfolgt werden. In einigen wenigen Fällen wurden die bezahlten Auftragsmörder juristisch verurteilt, doch die Hintermänner haben fast nie eine Bestrafung zu befürchten. Fachleute machen diese Straflosigkeit für die Morde verantwortlich.

Von Mafia-Killern vor der Redaktion ermordet

Gefährlich leben vor allem Medienschaffende, die im kriminellen und korrupten Milieu von Politik, Wirtschaft und Mafia recherchieren oder die Macht von Bürgermeistern und lokalen Eliten angreifen. Dabei kann es um Drogenanbau und Waffenschmuggel, die Kontrolle von Avocado-Plantagen oder die Interessen eines umstrittenen Bergbauunternehmens gehen.

Zwar trifft die Gewalt auch bundesweit bekannte Reporter wie Javier Valdez, den Killer der Mafia 2017 vor seiner Redaktion in der Stadt Culiacán ermordeten. Doch vor allem lokal arbeitende Journalisten sind in Gefahr. „Die meisten ermordeten Kolleginnen und Kollegen hatten ein Profil wie Fredid Román, oft hatten sie ein eigenes kleines Medium und kaum finanzielle Ressourcen“, sagt Pigeonutt. Auch die schlechte Bezahlung mache die Arbeit gefährlicher.

Die 34-Jährige weiß, wovon sie spricht. Im Jahr 2019 gründete sie in Guerrero die Plattform „Amapola Periodismo Transgresor“, die sich unter anderem mit dem umfangreichen Drogenanbau in der Region beschäftigt. Wie viele mexikanische Journalisten musste sie ihre Heimat verlassen. „Ich konnte über Themen wie die Kriminalität nicht mehr berichten und wollte mich auch nicht selbst zensieren“, sagt sie.

Mittlerweile lebt Pigeonutt in Mexiko-Stadt, fährt aber in die Region, um mit Kollegen an ihrem Projekt dranzubleiben. Und das nicht ohne Risiko: „In Guerrero arbeiten Polizisten, organisiertes Verbrechen und autonome bewaffnete Gruppen eng zusammen“, sagt sie. Im Jahr 2014 wurden nur wenige Kilometer von der Landeshauptstadt Chilpancingo entfernt 43 Studenten von Polizeibeamten, Militärs und Kriminellen verschleppt - ein Verbrechen, das auch international Aufsehen erregte.

Recherche mit schusssicheren Westen

„Wir wurden plötzlich Kriegsreporter im eigenen Land“, sagt die Journalistin Marcela Turati. Seit 2006 der damalige Präsident Felipe Calderón einen „Krieg gegen die Mafia“ ausgerufen hatte, nahm die Gewalt massiv zu - und damit auch die Gefahr für die Presse. Turati, die intensiv zum Verschwindenlassen von Menschen recherchiert, gibt selbst Sicherheitskurse für Kollegen. Zwar existiert ein Regierungsprogramm, das Journalisten schützen soll, doch der Erfolg ist gering. Auch daran beteiligte Pressearbeiter wurden ermordet.

Seminare über emotionalen Selbstschutz gehören ebenso zur Arbeit von investigativen Journalisten wie der ständige Kontakt zu vertrauten Personen bei Recherchereisen. In vielen Gegenden bewegen sich Medienschaffende nur mit Ortsansässigen, auf keinen Fall alleine und gegebenenfalls mit schusssicheren Westen. Zudem haben unabhängige Medien begonnen, sich in Netzwerken zu organisieren. So ist etwa das von Pigeonutt gegründete Amapola-Portal mit 14 weiteren Plattformen verbunden. „Diese Allianz gewährleistet, dass darüber berichtet wird, wenn man uns tötet“, sagt sie. „Und sie stellt sicher, dass die Berichterstattung weitergeht, auch wenn Kolleginnen und Kollegen ermordet werden.“

Von Wolf-Dieter Vogel (epd)