"Glattgebügelt": Zum Boom der Streaming-Portale

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Streamingdienste haben die Fernsehkultur verändert.
Frankfurt a.M. (epd)

Streaming-Portale haben die Fernsehkultur verändert und gehören zu den großen Gewinnern der Pandemie. Nach Schätzungen der Beratungs- und Forschungsgruppe Goldmedia sind die Umsätze der Dienste 2020 gegenüber dem Vorjahr um fast 30 Prozent auf drei Milliarden Euro gestiegen. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen: Netflix beispielsweise kennt die Bedürfnisse seiner Abonnenten scheinbar besser als sie selbst, weil es als erstes Streaming-Angebot einen Algorithmus entwickelt hat, der präzise Empfehlungen für Filme und Serien aussprechen kann.

Der deutsche Markteintritt von Disney+ im vergangen Jahr hat das Streamen noch attraktiver gemacht. Der Konzern hat den Kanal kürzlich um ein Zusatzangebot ergänzt, das sich mit Krimis, Thrillern und Actionfilmen an ein erwachsenes Publikum richtet. Der Streaming-Boom werde daher auch nicht enden, wenn die Kinos wieder öffnen, glaubt Alfred Holighaus, bis 2019 Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (Spio): "Streaming-Dienste haben sich als zusätzliches Unterhaltungsangebot etabliert und verändern vor allem die Seh- und Rezeptionsgewohnheiten im Privaten."

Globale Ästhetik

Medienwissenschaftler sehen diesen Boom kritisch. Gerd Hallenberger (Marburg) etwa spricht von "glattgebügelten" Eigenproduktionen: "Streaming-Dienste haben ein globales Publikum. Deshalb wird eine Oberfläche hergestellt, von der man vermutet, dass sie die Hipster in Berlin ebenso erreicht wie jene in Shanghai. Diese Philosophie setzt voraus, dass die Stoffe so lange bearbeitet werden, bis sie einer vermuteten Ästhetik entsprechen, die überall auf der Welt funktioniert. Inhaltliche Kanten werden ohnehin abgeschliffen."

Als "eigentliches Elend" betrachtet er aber die Algorithmen, die die Nutzer und Nutzerinnen mit Hilfe von Empfehlungen durch die digitale Welt führen: "Im Bereich von Musik und Film haben sie zur Folge, dass Überraschungen ausgeschlossen sind, weil sie den Konsumenten nur immer wieder mehr vom Gleichen anbieten. Sie empfehlen den Nutzern nicht das Beste, sondern nur, was am besten zu ihnen passt. Das führt zu einer radikalen Einengung von Vorlieben und Geschmack." Diese Entwicklung dürfte sich eher noch zuspitzen, vermutet er.

"Digitale Volkskulturen"

Marcus S. Kleiner, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der privaten SRH Berlin University of Applied Sciences, spricht gar von einer Bedrohung für die Demokratie: "Netflix, Amazon Prime Video und Disney+ sind Leitmedien der digitalen Transformation, die uns abtrainieren, was wir brauchen, um mündige Bürger zu sein; allen voran die Fähigkeit zur selbstbestimmten Entscheidungsfindung."

Wie Hallenberger kritisiert auch er vor allem die algorithmische Auswertung des Nutzungsverhaltens: "Es entstehen neue digitale Volkskulturen, in denen Sehtrends generiert werden: Welche Filme und Serien muss man angeblich sehen, welche Musik muss man hören, welche Apps muss man runterladen etcetera."

Der Autor des Buches "Streamland" spricht von "Vermassungsphänomenen": "Indem ich mich immer mehr auf diese datengetriebene Interpretation meiner digitalen Persönlichkeit einlasse, verändert sich auch meine Wahrnehmung der Wirklichkeit. Die Kunden sind nicht König oder Königin, sie werden zu Narzissten und Konsumnarren erzogen. Am Ende sind sie nur noch Sklaven ihrer vermeintlichen Bedürfnisse."

Kein Ende des Booms in Sicht

Ein Ende des Streaming-Booms ist nicht in Sicht. Jörg Rumbucher, Redakteur des Fachblatts "Blickpunkt: Film" und Experte für die Entwicklung auf dem Streaming-Markt, glaubt nicht an eine Streaming-Müdigkeit: "Die wäre nur dann zu erwarten, wenn ihr eine Serienmüdigkeit vorausginge. Aktuell gibt es jedoch keinen Befund, der eine solche Annahme rechtfertigt." Er verweist auf eine Studie der britischen Marktforscher von Digital TV Research, die für 2025 191 Millionen Streaming-Abos in Westeuropa prognostiziert, was einer Verdoppelung gegenüber 2019 entspräche.

Alfred Holighaus, der heute Filmstoffe für die Berliner Produktionsfirma Real Film entwickelt, ist dennoch von einem Comeback des Kinos überzeugt: "Weil nur das Kino individuelle Verabredungen mit Menschen und mit Filmen an einem magischen Ort zu bieten hat." Hoffnung macht eine Zahl der Filmförderungsanstalt (FFA) des Bundes: Mehrheitlich sind Streaming-Nutzer (54 Prozent) auch eifrige Kinobesucher.

Von Tilmann P. Gangloff (epd)