Für immer jung

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Thomas Gottschalk
Thomas Gottschalk wird 70
Frankfurt a.M. (epd)

Fernsehmoderatoren stoßen irgendwann an eine unsichtbare Barriere. Gerade in der Unterhaltung gab es lange die Devise "Trau keinem über 60!" Aber für ihn gilt das nicht: Thomas Gottschalk ist am 18. Mai 70 Jahre alt geworden. Die deutschen Medien scheinen nicht auf ihn verzichten zu können, zumal er das wichtigste Unterhaltungsgebot perfekt verinnerlicht hat: Du sollst nicht langweilen!

Aber das ist nur die vordergründige Erklärung. Hintergründig hat Gottschalks Erfolg viel mit der Geschichte des deutschen Fernsehens zu tun, und deshalb muss Unterhaltungsspezialist Gerd Hallenberger etwas ausholen, um dieses Phänomen zu erklären: "Wir leben in einer Zeit, in der viel über Image und Symbole läuft. Gottschalk steht dafür wie kaum ein anderer: Die Sonne spendet Licht, er spendet angenehme Unterhaltung" - und das schon seit 50 Jahren.

Thomas Gottschalk, aufgewachsen im fränkischen Kulmbach, ist der letzte Repräsentant einer TV-Unterhaltung, die die ganze Familie angesprochen hat. "Wetten, dass..?" hatte in den 90ern, wenn Gottschalk moderierte, häufig mehr als 16 Millionen Zuschauer. Mittlerweile hat sich das Publikum jedoch in viele Segmente aufgeteilt. Junge Zuschauer, sofern sie das klassische Fernsehen überhaupt noch wahrnehmen, haben gänzlich andere Vorlieben als ihre Eltern und erst recht ihre Großeltern.

Ende einer Ära mit "Wetten, dass..?"

Deshalb kann es auch keine Nachfolger für Gottschalk geben: Die Show-Ära, für die er steht, ist mit seinem Abschied von "Wetten, dass..?" zu Ende gegangen. Er selbst war während seiner "Wetten, dass…?"-Jahre (1987 bis 1992 und 1994 bis 2011) ein Moderator für alle. Was ihn ebenfalls auszeichnet: Er war und ist in allen Medien präsent, von seinen Anfängen beim Jugendfunk des Bayerischen Rundfunks (1971) übers Fernsehen und den kommerziell äußerst erfolgreichen Kinofilmen mit Mike Krüger ("Piratensender Powerplay", "Zwei Supernasen") in den 80er Jahren bis hin zum SWR-Podcast "Podschalk".

Natürlich war er auch selbst regelmäßig Gegenstand von Berichterstattung. Zuletzt hat er sogar häufiger von sich reden gemacht, als ihm lieb gewesen sein dürfte: 2018 ist sein Domizil in Kalifornien einem Waldbrand zum Opfer gefallen, 2019 wurde nach mehr als 40 Ehejahren die Trennung von seiner Frau Thea bekannt.

Die neue Liebe, eine SWR-Mitarbeiterin, dürfte der Grund für den Umzug nach Baden-Baden gewesen sein. Für den SWR steht Gottschalk dort nun auch wieder vor dem Radio-Mikro. Der Kreis hat sich also geschlossen: Beim Hörfunk des Bayerischen Rundfunks hat vor knapp 50 Jahren seine Karriere begonnen; 1976 folgte der Sprung ins Fernsehen.

Seither hat er regelmäßig den Sender gewechselt: vom Dritten des BR ins Erste, damals mit der legendären Sendung "Telespiele", von dort zum ZDF ("Na so was", "Wetten, dass..?") und dann zu RTL. "Gottschalk Late Night" war dort sein erster Flop. Anschließend wechselte er zu Sat.1 ("Gottschalks Hausparty"), um nach vier Jahren zum ZDF zurückzukehren. 2012 ging es für ihn zur ARD, wo er mit "Gottschalk Live" ein Debakel erlebte.

"Geringe Selbstleistung"

Aktuell wirkt er bei RTL regelmäßig mit Günther Jauch und Barbara Schöneberger in der Show "Denn sie wissen nicht, was passiert" mit. Seine Geburtstagsparty "Happy Birthday Thomas Gottschalk" feierte er allerdings im ZDF.

Gottschalk selbst hat seinen Erfolg stets heruntergespielt. In einem Porträt des Bayerischen Fernsehens sagt er, er habe es "mit geringer Selbstleistung" zu Ruhm und Ehre gebracht. Das klingt nach Koketterie, entspricht aber dem Lebensziel seiner Jugendjahre: Damals wollte er zum Radio und dort die Musik spielen, die er liebte. Großartig vorbereitet habe er sich nie. Vielleicht hat er deshalb stets eine Eigenschaft verkörpert, die in der alten Bundesrepublik extrem selten war: lässige Leichtigkeit. Man hatte immer das Gefühl, er wolle in erster Linie selbst Spaß haben - und höchstwahrscheinlich stimmt das auch.

Hallenberger weist noch auf einen weiteren Aspekt hin: "Unsere Gesellschaft zeichnet sich seit einigen Jahrzehnten durch ein Konzept von Jugendlichkeit aus, das vom biologischen Alter abgekoppelt ist, und auch dafür steht Gottschalk wie kein Zweiter. Deshalb kann er mit 70 einen extravaganten Kleidungsstil pflegen, der bei den meisten Gleichaltrigen lächerlich wirken würde." Selbst im fortgeschrittenen Alter werde Gottschalk ein "lausbubenhafter Charme" attestiert, sagt der Medienwissenschaftler. Er stehe damit für ein Lebenskonzept, "mit dem sich ältere Menschen gern identifizieren und das jüngere nicht peinlich finden. Auf diese Weise kann er sich theoretisch noch die nächsten dreißig Jahre eine jungenhafte Unbekümmertheit bewahren."

Von Tilmann P. Gangloff (epd)