Vom Dunkel ins Licht
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Wohnlandschaft von Verner Panton - "Fantasy Landscape", Visiona 2
Bremer Kunst-Ausstellung inszeniert Faszination der Höhle
Bremen (epd).

Wer vom Bremer Marktplatz aus in die Touristenmeile der Böttcherstraße schlendert und dort das Paula Modersohn-Becker Museum besucht, dem begegnet eine in Deutschland wohl einzigartige Eingangssituation. Denn auf dem Weg zu den Ausstellungen geht es zunächst durch einen höhlenartigen Raum, den sein Erbauer, der Künstler und Architekt Bernhard Hoetger (1874-1949), ganz bewusst so gestaltet hat. Jetzt ist das Vestibül das Leitmotiv zu einer Ausstellung, mit der das Museum die „Faszination Höhle“ inszeniert.

Museumsdirektor und Kurator Frank Schmidt steht im Vestibül und weist auf die Wände: „Die meisten Besucherinnen und Besucher sagen, Mensch, dunkel hier.“ Doch Hoetgers Idee sei gewesen, dass die Gäste aus dem Dunkel des Vestibüls in die oberen Stockwerke steigen: „Zu den Werken von Paula Modersohn-Becker, die Licht und Erkenntnis versprechen.“ Was auch architektonisch in dem expressionistischen Gebäude durch Glasbausteine und ein helles Treppenhaus unterstützt wird. So präsentiert sich das Haus insbesondere bei dieser Ausstellung als Gesamtkunstwerk.

Berühmte Installation von Verner Panton für Bayer AG

Das Vestibül als inspiratorischer Ausgangspunkt der Ausstellung, quasi ein physisch erfahrbares Leitmotiv: Anhand von rund 50 Werken - Gemälden, Fotos, Installationen - erforschen Schmidt und Mit-Kuratorin Katharina Rüppell, wie sich Künstlerinnen und Künstler vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart mit dem Sujet der Höhle auseinandergesetzt haben und es noch immer tun. Bis zum 9. Juni sind in fünf Sälen Arbeiten von 20 Kunstschaffenden zu sehen, darunter Werke von Eugène Delacroix, Franz Catel, Per Kirkeby, Axel Hütte und Mamma Andersson.

Und von Verner Panton (1926-1998). Die berühmte Installation des dänischen Architekten und Designers unter dem Titel „Fantasy Landscape, Vision 2“ - einst für das Chemieunternehmen Bayer entworfen - empfängt die Gäste. Lädt sie dazu ein, sich ohne Schuhe in den Schaumstoff zu lümmeln und von Höhlen zu träumen: Von schützenden Räumen und Sorglosigkeit, von beängstigender Dunkelheit und geheimnisvollen Tropfsteinen.

„Höhlen sind seit Urzeiten mit der menschlichen Kultur eng verbunden“, betont Schmidt. „Unsere Vorfahren nutzten sie als Schutzräume und für rituelle Feste. In ihnen haben sich mit den Höhlenmalereien die ersten Kunstwerke erhalten. Gleichzeitig verbinden wir eine gewisse Bedrohung mit den dunklen und schwer zugänglichen Gebilden der Unterwelt.“

Religiöse Motive

Da dürfen natürlich Bilder von der legendären Blauen Grotte auf Capri nicht fehlen. Und auch religiöse Motive zeigt die Ausstellung, wie etwa eine Beweinung Christi, die der französische Maler Eugène Delacroix (1798-1863) ungewöhnlicherweise in eine Höhle verlegt hat. Normalerweise ist die Szene am Fuß des Kreuzes zu sehen. „Biblische und apokryphe Texte thematisieren Höhlen auffallend oft als Rückzugsort“, erläutert Kuratorin Rüppell.

Studierende der Bremer Hochschule für Künste kommentieren mit neuen Arbeiten die Ausstellung, mit der überdies der 150. Geburtstag von Bernhard Hoetger in diesem Jahr gewürdigt werden soll. Er hatte das Paula Modersohn-Becker Museum in der Bremer Böttcherstraße gebaut - als weltweit erstes Museum, das für eine Malerin errichtet wurde. In der Schau ist Hoetger unter anderem mit einem seiner Hauptwerke vertreten, dem 15-teiligen Keramik-Zyklus „Licht und Schatten“.

Der Titel passt zu Hoetgers Leben, der in seinen späten Jahren Sympathien für völkische Ideen und den Nationalsozialismus entwickelte. Schmidt und Rüppell schreiben im Katalog zur Schau: „Mit der Ausstellung zum Jubiläum wollen wir seine Bekanntheit steigern, zugleich aber auch die Diskussion über einen umtriebigen Künstler befördern, dessen wechselvolle und weltanschaulich höchst problematische Biografie die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll zu fassen vermag.“

Von Dieter Sell (epd)