Vergessene Frauen der Dada-Bewegung im Arp Museum
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Motif abstrait (masques), 1917, von Sophie Taeuber-Arp
Remagen (epd).

„Ich bin nicht bekannt genug geworden, und so werde ich vergessen.“ Mit dieser Einschätzung lag Elsa Freytag-Loringhoven (1874-1925) richtig - zumindest vorerst. 100 Jahre nach ihrem Tod könnte die Feststellung, die sie in einem Brief an ihre Freundin, die Schriftstellerin Djuna Barnes, traf, sich relativieren. Denn nun ist die Künstlerin eine der Protagonistinnen einer Ausstellung über die Frauen des Dadaismus, die seit dem 7. Juli im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zu sehen ist.

Unter dem Titel „der die DADA. Unordnung der Geschlechter“ seien erstmals Werke von Dada-Frauen gleichberechtigt neben denen ihrer männlichen Kollegen in einer großen Überblicksschau zu sehen, erklärt Museumsdirektorin und Kuratorin Julia Wallner. Die Ausstellung beschäftige sich mit der bislang vernachlässigten Bedeutung der Frauen im Dadaismus.

Mangelnde Anerkennung

Gezeigt werden rund 200 Gemälde, Papierarbeiten, Fotografien und Filme sowie Archivmaterial. Neben Werken bekannterer Künstlerinnen wie Hannah Höch, Sonia Delaunay und Sophie Taeuber-Arp werden Arbeiten von Frauen gezeigt, die in der Kunstgeschichtsschreibung bislang kaum auftauchen. Dazu gehört Freytag-Loringhoven, Angelika Hoerle, Suzanne Duchamp - Schwester des berühmten Marcel Duchamp - oder die Kölnerin Marta Hegemann. Zu sehen sind außerdem Werke bekannter männlicher Dadaisten wie Hans Richter, Marcel Duchamp, Raoul Hausmann, Max Ernst und natürlich des Hauspatrons Hans Arp.

Freytag-Loringhovens Schicksal steht exemplarisch für die mangelnde Anerkennung der Künstlerinnen. Die Malerin, Bildhauerin, Dichterin und Performance-Künstlerin gehörte zu den prägenden Figuren der New Yorker Keimzelle der Dada-Bewegung. Die deutsche Künstlerin, die ab 1913 in New York lebte, war zu ihrer Zeit als „Baroness“ bekannt. Schon früh begann sie, Alltagsgegenstände für ihre Kunst zu verwenden. Dabei inszenierte sie sich auch selbst als Kunstwerk, indem sie mit exzentrisch gemusterter, eng anliegender Kleidung sowie Accessoires aus leeren Konservendosen oder Löffeln durch die Straßen lief.

Schöpferin des ersten Ready-made?

Umstritten ist die These, dass Freytag-Loringhoven sogar die eigentliche Schöpferin von Marcel Duchamps Werk „Fountain“ sein könnte, das als Schlüsselwerk der modernen Kunst und als erstes Ready-made gilt, also als ein zum Kunstwerk umdefinierter Alltagsgegenstand. Es handelt sich um ein Urinal, das Duchamp um 90 Grad gekippt und mit der Signatur „R. Mutt“ versehen 1917 für eine Ausstellung der Society of Independent Artists in New York anonym einreichte. Damit löste er eine Diskussion um den Kunstbegriff aus. Die Debatte um die mögliche Urheberschafts Freytag-Loringhovens machte die niederländische Künstlerin und Dokumentarfilmerin Barbara Visser 2023 zum Ausgangspunkt eines Films über Werk und Leben der Dada-Künstlerin, der nun im Arp Museum zu sehen ist.

Die Ausstellung, die bis zum 12. Januar 2025 zu sehen ist, beleuchtet die unterschiedlichen Ausprägungen der Dada-Bewegung in fünf Zentren. Nach der Gründung 1916 im Züricher Avantgarde-Treffpunkt Cabaret Voltaire durch Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Marcel Janco und Hans Arp breiteten sich die Dada-Ideen nach Paris, Berlin, Köln und New York aus. Gemeinsam war den internationalen Dada-Künstlerinnen und Künstlern, dass sie mit absurden, provokativen und anti-traditionellen Kunstwerken die Konventionen der Gesellschaft und Kunstwelt infrage stellten. Trotz unterschiedlicher Ausdrucksformen ziehen sich auch bestimmte Themen wie rote Fäden durch ihre Werke.

„Dada bot Raum für Frauen“

„Es handelte sich um eine Neuschreibung der Kunst“, erklärt Wallner. „Und damit bot Dada Raum für Frauen.“ Ein Schwerpunkt der Dada-Kunst ist die Bedeutung von Geschlecht, Rollenbildern und Sexualität in der Dada-Bewegung, in der sich sowohl Frauen als auch Männer aus ihren Rollenzuschreibungen lösten. So fotografierte Man Ray etwa Elsa von Freytag-Loringhoven in maskuliner Kleidung, während sich Marcel Duchamp von ihm mit Perücke und Collier als „Rrose Sélavy“ ablichten ließ.

Flankiert werden die dadaistischen Werke in der Ausstellung von zeitgenössischen Arbeiten. Eine Bühne lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, sich selbst als dadaistische Performer zu versuchen.

Von Claudia Rometsch (epd)