Tiefer Fall: Von der Grande Dame zur NS-Geisel
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Max und Martha Liebermann beim Spaziergang im Tiergarten in Berlin (undatiertes Bild)
Vor 80 Jahren starb Martha Liebermann
Berlin (epd).

Die Liebermann-Villa am Wannsee vermittelt den Eindruck einer friedlichen Idylle: Blumen- und Gemüsegärten, eine von Birken gesäumte Wiese mit Blick auf das Wasser, ein eigener Anlegesteg. Hier verbrachten der Maler Max Liebermann (1847-1935) und seine Frau Martha (1857-1943) viele Sommer, hier entstanden zahlreiche Bilder des impressionistischen Künstlers.

Vor dem - wieder aufgebauten - Max Liebermann Haus am Brandenburger Tor, dem Hauptwohnsitz der Familien, aber erinnert ein Stolperstein an düsterere Zeiten: die Verfolgung durch die Nazis und den Tod Martha Liebermanns. Sie starb am 10. März 1943, vor 80 Jahren. Im Alter von 85 Jahren beging sie Suizid, weil ihre Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt bevorstand.

Max Liebermann war acht Jahre zuvor mit 87 Jahren gestorben. Am Tag der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, dem 30. Januar 1933, soll der jüdische Maler im Berliner Dialekt gesagt haben: Er könne gar nicht so viel fressen, wie er kotzen möchte. Der Mitbegründer der Künstlervereinigung „Berliner Secession“ hatte zuvor Ämter wie die Ehrenpräsidentschaft der Akademie der Künste aufgegeben und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Nach dessen Tod wurde es einsam um die Witwe im Palais neben dem Brandenburger Tor.

Zur Bittstellerin geworden

Die gemeinsame Tochter emigrierte 1938 unter dem Eindruck der offenen Gewalt gegen jüdische Bürger in der Pogromnacht gemeinsam mit Mann und Tochter in die USA. „Martha hätte mitgehen können, wollte aber nicht“, sagt die Leiterin der Liebermann-Villa am Wannsee, Lucy Wasensteiner. Die Berlinerin habe zunächst in ihrer Heimatstadt bleiben wollen, wo ihr Mann begraben lag.

Eine Kopie von Martha Liebermanns letztem Brief, datiert am Tag vor ihrem Tod, zeigt ihre Verzweiflung. „Ich bin ganz auseinander“, schreibt sie darin. „Die Bank hat nicht mal die kleine Summe gezahlt, ohne einen freundlichen Besuch wäre ich ohne Geld“, heißt es in dem Schreiben an einen Freund der Familie. Die einstige Grande Dame der Berliner Gesellschaft war zur Bittstellerin geworden.

Nach dem Tod ihres Mannes verlor Martha Liebermann nach und nach ihr gesamtes Vermögen mitsamt des Hauses und der Villa am Wannsee. Von 1941 an bemühte sie sich um eine Ausreise nach Schweden und in die Schweiz - vergeblich.

Es sei kaum zu glauben, dass eine Dame von über 80 Jahren so etwas erleben musste, sagt die Leiterin der Liebermann-Villa: „Deswegen ist es uns so wichtig, immer diese schreckliche Geschichte zu erzählen, auch wenn das Haus wunderschön ist, wir schöne Bilder zeigen und über schöne Zeiten erzählen.“

„Wir sehen sie nur durch seine Augen, durch seine Bilder“

Martha Liebermann sei zur „Geisel des Reichs“ geworden, erklärt Kunsthistoriker Martin Faass. Die Nationalsozialisten hätten in derartigen Fällen versucht, so viele Devisen aus dem Ausland wie möglich zu erpressen. „Es ist schwierig zu sagen, woran es am Ende gescheitert ist“, sagt der frühere Leiter der Liebermann-Villa und heutige Direktor des Hessischen Landesmuseums Darmstadt. Möglicherweise sei sie nach einem Schlaganfall von Ende 1942 an zu krank und schwach für eine Ausreise gewesen. Möglicherweise seien aber auch die Geldforderungen der Nationalsozialisten für die Ausreise noch einmal erhöht worden.

Nach ihrem Tod im Jüdischen Krankenhaus wurde Martha Liebermann zunächst auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beerdigt. 1954 folgte die Umbettung in das Familiengrab.

Auf Max Liebermanns Bildern ist Martha meist beim Lesen oder Schlafen dargestellt. Sie habe sich nicht gern porträtieren lassen, sagt die Leiterin der Liebermann-Villa. Da nur wenige Briefe von Martha Liebermann gesammelt sind, sei wenig über ihre Persönlichkeit bekannt, berichtet Wasensteiner. „Wir sehen sie nur durch seine Augen, durch seine Bilder.“ Die Leiterin der Liebermann-Villa zitiert den Martha zugeschriebenen Ausspruch, nach dem es eine Ehre, aber kein Vergnügen gewesen sei, mit Liebermann verheiratet gewesen zu sein.

Die 1857 in Berlin geborene Tochter einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie wird als zurückhaltend, selbst- und pflichtbewusst beschrieben. Als ihr Vater 1870 starb, wurde Liebermanns Vater Louis Marthas Vormund.

Die Ehe des Künstlers aus einer wohlhabenden jüdischen Industriellenfamilie und der zehn Jahre jüngeren Kaufmannstochter sei eine „standesbewusste, großbürgerliche Verbindung“ gewesen, sagt der Kunsthistoriker Faass. Seit Dezember 1938 durfte sie sich nicht mehr dem Liebermannschen Palais am Brandenburger Tor nähern. Nach ihrem Tod zogen die Nationalsozialisten ihren gesamten Nachlass ein. Das Haus, in dem sie seit dem Tod ihres Mannes wohnte, wurde wenige Monate später bei einem Bombenangriff ebenso zerstört wie das Palais am Brandenburger Tor.

Bettina Gabbe (epd)