Stark, mutig, unangepasst

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Ottilie W. Roederstein: Lebensweisheit oder Drei weltabgewandte Frauen (1926)
Frankfurter Städel präsentiert Malerin Ottilie W. Roederstein
Frankfurt a.M. (epd).

Zigarillo rauchend, auf Berge kraxelnd, Hüte und schwere Mäntel tragend: Die Malerin Ottilie W. Roederstein (1859-1937) setzte sich bewusst über das hinweg, was die wilhelminische Gesellschaft als für Frauen schicklich erachtete. Auch ihre Ausbildung zur Malerin sowie ihre Lebenspartnerschaft mit der Medizinerin Elisabeth Winterhalter ertrotzte sie sich gegen so manche Widerstände. Von der Kunst und dem Leben der Unangepassten erzählt eine neue Ausstellung im Frankfurter Städelmuseum.

Die Schau unter dem Titel „Frei. Schaffend“ präsentiert bis zum 16. Oktober 75 Gemälde und Zeichnungen der deutsch-schweizerischen Künstlerin. Ihre enge Verbindung mit Frankfurt und der Region zeigt sich darüber hinaus an der Fülle historischer Dokumente, Fotografien und Briefe aus dem Nachlass, die dem Städel 2019 von den Erben ihres Biografen Hermann Jughenn übereignet wurden.

„Um unabhängig zu sein“

Ottilie Wilhelmine Roederstein wird in Enge bei Zürich als zweite Tochter des Kaufmanns Reinhard Roederstein und seiner Frau Alwina geboren. Nach ersten Ausbildungsstationen in Zürich und in Berlin geht sie 1882 nach Paris, wo sie im Damenatelier von Emile-Auguste Carolus-Duran und Jean-Jacques Henner unterrichtet wird. Die beiden Lehrer sind bekannt für ganzfigurige elegante Damenbildnisse, die sie in lockerer Malweise ausführen. Ihr Einfluss ist deutlich in Roedersteins großformatigem Porträt „Miss Mosher“ aus dem Jahr 1889 zu erkennen, das den Türöffner zur Frankfurter Ausstellung bildet.

Im Sommer 1885 lernt Roederstein die Gynäkologin und Chirurgin Winterhalter kennen und lieben, sechs Jahre später zieht mit ihr nach Frankfurt am Main. Die Stadt zählt zu jener Zeit nicht zu den großen Kunstzentren, doch sie ist geprägt von einem handeltreibenden Großbürgertum, das gerne in Kunst investiert. Roederstein bezieht 1892 ein Atelier in der Städelschen Kunstschule und erhält zahlreiche Porträtaufträge. Winterhalter übernimmt mit finanzieller Hilfe der Familie Roederstein eine gynäkologische Praxis. 1909 lassen sich die beiden Frauen im benachbarten Hofheim am Taunus nieder.

Im Zentrum der Frankfurter Schau stehen Roedersteins Selbstporträts, die sie in allen Schaffensphasen auch deswegen malt, „um damit Geld zu verdienen und unabhängig zu sein“, wie die Kuratorin Eva-Maria Höllerer hervorhebt. Die Porträts dokumentieren, wie sich das Erscheinungsbild in ihrer Karriere verändert: Angefangen von dem Selbstbildnis mit roter Mütze, unter dem die blonde Lockenpracht hervorbricht aus dem Jahr 1894, über ein Porträt mit Strohhut und blauen Hortensien im Hintergrund, das hell und expressionistisch anmutet aus dem Jahr 1904, bis hin zu einem Altersporträt aus dem Jahr 1932.

„Sie haben sie Meisterin genannt“

Unabhängig von der stilistischen Ausgestaltung zeigt sich Roederstein stets als ernste und selbstbewusste Künstlerin, wie der Kurator Alexander Eiling hervorhebt: „Stark, mutig, streng, in männlich anmutender Kleidung, ganz und gar lieblos, obwohl sie das überhaupt nicht war“. Sie habe mit dieser Pose lediglich das Ziel verfolgt, auch von ihren männlichen Kollegen akzeptiert zu werden. Das sei ihr gelungen. „Sie haben sie Meisterin genannt“, sagt Eiling.

Roederstein widmet sich immer wieder auch anderen Themen. Sie malt Stillleben, biblische Szenen und männliche und weibliche Akte. Zu ihren berühmtesten Arbeiten zählt eine großformatige Pietà, die sie 1897 ohne Auftrag schafft und mehrfach ausstellt. „Mit diesem Werk, das ein religiöses Thema mit einer Aktdarstellung verbindet, bewies sie ihr ganzes Können und gab ein Statement ab“, sagt Kuratorin Höllerer. „Außerdem brach sie damit ein weiteres Tabu, denn Aktdarstellungen waren bis dato unter dem Vorwand der Sittlichkeit den Männern vorbehalten.“

Der Umzug nach Hofheim 1909 und die Einrichtung eines Atelierhauses gehen einher mit einer stilistischen Neuorientierung der Malerin. Roederstein wendet sich neuen Bildthemen zu und experimentiert mit Farben und Formen. Auch engagiert sie sich weiter für die Qualifizierung von Mädchen und Frauen in der Kunst. „Roederstein gehörte nie zur künstlerischen Avantgarde“, resümiert Höllerer, „sondern blieb stets dem Naturvorbild verpflichtet. Den Schritt in die Abstraktion wagte sie nie.“

Von Dieter Schneberger (epd)