Spaziergang durch Kafkas Prag
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Kafka-Statue des Künstlers David Cerny in Prag
Prag (epd).

Der überlebensgroße Franz Kafka spiegelt sich metallisch glänzend. Mehr als zehn Meter hoch ist die Büste mit den markanten Gesichtszügen. Von morgens bis abends ist sie von Touristen umlagert: Kafkas Kopf, geschaffen vom Künstler David Cerny, zählt inzwischen zu den Hauptattraktionen Prags, vor allem wegen der spektakulären Mechanik. In 42 Scheiben ist die tonnenschwere Metallstatue unterteilt, die sich computergesteuert verdrehen und schließlich wie von Geisterhand wieder zum Kopf zusammensetzen - eine Anspielung auf Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“, wie Kunstkritiker gern vermerken.

Der Trubel rund um die Statue wäre Franz Kafka vermutlich unangenehm: Als bescheiden und zurückhaltend schilderten ihn Zeitgenossen, und tatsächlich wurde er auch erst lange nach seinem frühen Tod vor 100 Jahren - am 3. Juni 1924 - zum weltweit gefeierten Autor. Inzwischen zählt er zu den berühmtesten Pragern: Die Stadt spielte für ihn sein Leben lang eine prägende Rolle. Als deutschsprachiges Kind einer jüdischen Familie im tschechischen Prag, das damals noch zur Habsburger Monarchie gehörte, verkörperte er die vielfältige kulturelle Schichtung jener Zeit.

Geburtshaus, Café Arco, Schwimmschule und Synagogen

Das Geburtshaus Kafkas steht nur ein paar hundert Meter entfernt von der monumentalen Statue: Direkt neben dem Altstädter Ring, dem zentralen Platz im Prager Zentrum, wurde er als Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren. Von hier aus sind alle Prager Fixpunkte aus Kafkas Leben fußläufig zu erreichen: Die Arbeiterunfallversicherung, in der er als Jurist arbeitete und deren palastartiges Gebäude heute ein nobles Hotel beherbergt. Das Kaffeehaus Arco, in dem Kafka an Literatenzirkeln teilnahm, die Schwimmschule an der Moldau, wo er seinem geliebten Hobby nachging, die Synagogen im früheren jüdischen Viertel - alles ist an seinem Platz genauso wie zu Kafkas Lebzeiten.

Und trotzdem war Kafkas Prag anders. „Heute ist die Stadt durch den modernen Verkehr völlig entstellt, die Häuser mit Reklame verhängt“, sagt Hartmut Binder. Der emeritierte Professor ist einer der führenden Kafka-Forscher, und besonders fasziniert ihn die Frage, wie die Stadt aussah, als Franz Kafka in den Kopfsteinpflasterstraßen unterwegs war.

Eine Antwort darauf hat er gerade vorgelegt: „Ein Leben in Bildern“ heißt sein Buch, das im Prager Vitalis-Verlag erschienen ist, und er hat darin mehr als 1.500 Fotos zusammengetragen. In einem Teil des Bandes widmet er sich Personenfotos - Bekanntschaften von Franz Kafka, Freunde und Weggefährten sind darin abgebildet. Und dann sind da die Prager Fotos: „Es soll ein Spaziergang durch Franz Kafkas Leben sein“, sagt Binder. Er hat die Wege rekonstruiert, die Kafka regelmäßig ging, und sie anhand alter Postkarten und anderer historischer Fotografien rekonstruiert: Über die Kleinseite hinauf zum Hradschin, dem majestätischen Burgberg hoch über der Moldau. Oder auch von seiner Wohnung aus hinauf zum Vysehrad-Felsen am Rand des Zentrums.

Ghetto wurde abgerissen

Dabei sind es eigentlich zwei Prags, die Kafka erlebt hat, gibt Binder zu bedenken: „In seiner Kindheit gab es noch das Prager Ghetto“, sagt er - das alte jüdische Viertel mit den engen, einfachen Häuschen, gelegen in einem feuchten Eck der Stadt nahe der Moldau. Und dann, um die Jahrhundertwende, wurde dieses Ghetto „assaniert“, wie es damals hieß: abgerissen also und überbaut mit prachtvollen Neubauten aus der Gründerzeit.

„Da sind Bankgebäude, Hotels und Kaufhäuser entstanden, Prag wurde zu einer modernen Stadt“, sagt Binder. Und Kafka stand mittendrin in diesem gewaltigen Wandel, der das einstige Judenviertel mit repräsentativen Wohnhäusern überzog, die heute zu den teuersten Adressen der Stadt gehören. Das alte Ghetto ist nur noch auf ein paar hundert Metern zu erahnen zwischen der ältesten Synagoge, der Alt-Neu-Schul, und dem alten jüdischen Friedhof.

Franz Kafka war damals Zeuge einer der größten städtebaulichen Umgestaltungen seiner Heimatstadt. Die ganzen vier Jahrzehnte seines Lebens hat Kafka hier gelebt - mit Unterbrechungen für Reisen und Sanatoriumsaufenthalte im Ausland und in anderen Teilen des heutigen Tschechien. „Das Mütterchen hat Krallen“, notierte er einmal über Prag, und dieser Satz hat es in der Stadt längst zum geflügelten Wort gebracht. Seine Werke liegen längst auch in tschechischer Übersetzung vor, und an den Schulen gehört „Frantisek Kafka“, wie er in Tschechien heißt, zum Kanon - und zusammen mit seiner Literatur wird auch über die deutsch-tschechisch-jüdische Tradition Prags gesprochen.

„Nicht-Greifbarkeit von Kafka“

Diese Vielschichtigkeit in Kafkas Welt inspiriert Künstler bis heute. Zu sehen ist das im Prager Kulturzentrum Dox, einem Zentrum für zeitgenössische Kunst. „Kafkaesque“ heißt eine große Ausstellung, die bis zum September zu sehen ist: 30 Künstler - viele von ihnen aus Tschechien - beschäftigen sich darin mit Kafka und seinem Werk. „Eines der übergreifenden Themen ist die Nicht-Greifbarkeit von Kafka“, sagt Ausstellungs-Kurator Leos Válka.

Statuen, Videoinstallationen, Fotos und Gemälde sind zu sehen, und jeder der beteiligten Künstler verbindet persönliche Erlebnisse und Aha-Momente mit Franz Kafka. „Mindestens die Hälfte der Künstler hier in der Ausstellung bezeichnet ihn als grundlegende Figur in ihrem Leben, die auf tiefgreifende Art ihre Entwicklung beeinflusst hat - als Künstler, als Menschen“, sagt Leos Válka. Für ihn steht fest: „Kafka ist ein ewiges Thema!“

Von Kilian Kirchgeßner (epd)