Soundtrack der Zeitgeschichte

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Gebärdendolmetscherin in der Ausstellung "Hits & Hymnen" im Bonner Haus der Geschichte.
Ausstellung "Hits & Hymnen" im Bonner Haus der Geschichte
Bonn (epd)

Es begann damit, dass Klaus Meine ein Lied vor sich hin pfiff, wie der Leadsänger der deutschen Rockband Scorpions sich später erinnert. In "Winds of Change" verarbeitete der Musiker 1989 seine Eindrücke eines Konzerts in Moskau. "Man hat das Gefühl gehabt, die Welt verändert sich vor unseren Augen", sagt er rückblickend. Der Song wurde zu einer Hymne des Mauerfalls. Jetzt haben es Meines handschriftliche Aufzeichnungen zu dem Lied sogar ins Haus der Geschichte in Bonn geschafft. Dort sind sie eines von 500 Exponaten, die ab Mittwoch Zeugnis von der Wechselwirkung zwischen Musik und Politik ablegen.

Unter dem Titel "Hits & Hymnen. Klang der Zeitgeschichte" bietet das Haus der Geschichte bis zum 10. Oktober einen musikalischen Parcours durch die letzten rund 70 Jahre. Dabei gibt es neben zahlreichen Hörstationen Filmausschnitte von Konzerten zu sehen. Die Ausstellung zeige, dass die Musik die gesellschaftliche Situation spiegele, umgekehrt aber die Musik auch gesellschaftlich etwas bewegen könne, erklärt Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte. "Musik kann mobilisieren, Protest ausdrücken oder vielleicht sogar Identität schaffen."

Teil der Gegenkultur

Oder sie kann mit Ironie und Humor dazu beitragen, widrige Umstände besser zu ertragen. Davon kann etwa der "Kippen-Boogie" aus den Nachkriegsjahren ein Lied singen, als weggeworfene Zigarettenstummel zum wertvollen Sammlergut wurden. Das Karnevalslied "Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien" von Karl Berbuer setzt sich 1948 humoristisch mit der Situation in den drei westlichen Besatzungszonen auseinander.

Doch schon ab den 50er Jahren wird die Musik zunehmend auch zum Protestmittel. Im Westen drückt sich im Rock'n'roll das Lebensgefühl einer neuen Generation aus. In der DDR betrachtete die Staatsführung die "Beat-Musik" als politisch subversiv und verbot sie. Zugleich wurden unliebsame Liedermacherinnen und Liedermacher verhaftet oder ausgebürgert. Bettina Wegner etwa, die im Westen mit ihrem Lied "Sind so kleine Hände" bekannt wurde, geriet mit dem Regime in Konflikt, weil sie die Niederschlagung des Prager Frühlings verurteilte. Wolf Biermann wurde nach seinem Konzert 1976 in Köln aus der DDR verbannt.

Politische Botschaften

Vor allem ab den 70er Jahren transportiert die Musik im Westen zunehmend politische Botschaften. Die Rockband Ton Steine Scherben etwa wird mit Songs wie "Macht kaputt was euch kaputt macht" zum Sprachrohr der linksalternativen Szene. Nena hat 1983 mit "99 Luftballons" einen Welterfolg. Das Lied, das sich gegen die Aufrüstung wendet, wird auf dem Höhepunkt der Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss zu einer populären Antikriegs-Hymne.

Viele Musiker engagieren sich in den 80er Jahren in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung. Davon zeugt etwa ein Plakat des "Anti Waahnsinns-Festivals" im Juli 1986. Dort traten unter anderem BAP, Herbert Grönemeyer oder Wolf Maahn auf.

Seit einigen Jahren steht verstärkt der Protest "gegen rechts" im Fokus. Ein krakeliger, handgeschriebener Zettel von Sänger Campino zeigt die Abfolge der Lieder, die Die Toten Hosen im August 2018 auf dem Konzert #wirsindmehr in Chemnitz spielen. Dort protestieren die "Hosen" zusammen mit Bands wie Kraftklub oder Feine Sahne Fischfilet gegen Fremdenfeindlichkeit.

Musik kann auch Grenzen überwinden. Vor allem Udo Lindenberg wurde bekannt durch seine Versuche, seine Musik grenzüberschreitend in beiden Teilen Deutschlands spielen zu dürfen. Nachdem er sich 1983 bei einem Konzert im Palast der Republik in Ost-Berlin gegen Aufrüstung ausgesprochen hatte, bekam Lindenberg in der DDR keine Auftrittserlaubnis mehr.

Inklusive Elemente

Seine Antwort darauf, der Song "Sonderzug nach Pankow", wurde ein Hit. Das Haus der Geschichte zeigt den Original Stasi-Bericht zu dem Lied. Der kommt zu dem Schluss, dass der Song geeignet sei, das "gesellschaftliche Ansehen des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR" herabzusetzen. Lindenberg setzt noch einen drauf und überreicht dem damaligen DDR-Staatschef Erich Honecker 1987 vor dem Friedrich-Engels-Haus in Wuppertal eine E-Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren". Jetzt ist auch sie zum Ausstellungsstück geworden.

In einem eigenen Kapitel beschäftigt sich die Ausstellung mit der Bedeutung und Wirkung von Nationalhymnen und Militärmärschen. Als inklusives Angebot für Hörgeschädigte, aber auch für das gesamte Publikum, werden dort drei Hymnen auf einer großen Leinwand visuell durch grafische Elemente dargestellt. Die Besucher können in einem Quiz raten, welche Hymne sie gerade sehen.

Inklusive Elemente sind auch in der gesamten Ausstellung zu finden. So sorgen Induktionsschleifen an den Hörstationen dafür, dass Hörgeschädigte die Musik hören können. An einer Multimediastation übersetzen Gebärdendolmetscher Musik in Gesten und eine Rüttelbank macht Punk-Musik über Vibrationen erfahrbar.

Von Claudia Rometsch (epd)