Purer Luxus in schnörkellosen Wohnbauten

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Blick auf die Eberstsiedlung in Ludwigshafen
Ludwigshafen (epd)

Das Leben in der neuen Ludwigshafener Wohnsiedlung war purer Luxus nach den harten Jahren des Ersten Weltkriegs. Warmes Wasser kam aus dem Hahn, man musste nur drehen. Eine durch Fernwärme gespeiste Zentralheizung machte es im Winter in den mit Einbauschränken und Bad ausgestatteten großzügigen Wohnungen mollig warm. In den Spielhöfen mit gepflegtem Grün gab es beaufsichtigte Planschbecken für die Kinder. Eine eigene Infrastruktur bot alles in der Nähe, was man sich an Komfort nur wünschen konnte: 18 Ladengeschäfte, eine Kneipe, eine Polizeistation, einen Kindergarten, eine Zentralwaschküche mit Waschmaschinen - selbst eine Rundfunkstation mit eigenem Programm.

Einmalig und vorbildlich in Architektur, Technik und Ausstattung in ganz Deutschland war die Ebertsiedlung im Ludwigshafener Stadtteil Friesenheim, die von 1927 bis 1930 im Bauhausstil entstand: Schnörkellos und zweckdienlich sind die denkmalgeschützten, in unauffälligem Beigeton gestrichenen Wohnblöcke, die der jüdische Architekt und Stadtbaumeister Markus Sternlieb (1877-1934) nach dem Ideal des "Neuen Wohnens" entwarf. Die Ästhetik rückte in Kunst und Architektur im Sinne einer "neuen Sachlichkeit" in den Hintergrund. Nüchtern, ornamentfrei und den Menschen dienlich sollte das Wohnen sein.

"Ebertsiedlung war nie eine Arbeitersiedlung"

Nach dem Ersten Weltkrieg reagierte die Stadt Ludwigshafen am Rhein mit dem Bau neuer Siedlungen auf die grassierende Wohnungsnot und drohende Verelendung vieler Menschen, erzählt Peter Nauert. 23 Jahre lang war er Hausverwalter in der Ebertsiedlung der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft GAG. Benannt ist die symmetrisch angelegte Großsiedlung, deren dreigeschossige Wohnblocks sich auf ungefähr 300 Meter erstrecken, nach dem SPD-Politiker und Reichspräsidenten Friedrich Ebert (1871-1925). Erholen konnten sich die Menschen im angrenzenden Ebertpark, der 1925 als "grüne Lunge" der Industriestadt entstand.

"Die Ebertsiedlung war nie eine Arbeitersiedlung", räumt Nauert mit einem sich hartnäckig haltenden Gerücht auf. "Hier lebten wohlhabende Leute, Rechtsanwälte, Ärzte, Akademiker", sagt der Autor eines Buches über die Ebertsiedlung. Begehrt wie einst, aber erschwinglich seien heute die 713 Wohnungen in neun unterschiedlichen Typen, erzählt Nauert bei einer Führung anlässlich des Begleitprogramms zu einer Sonderausstellung zu Ernst Bloch und dem Bauhaus.

Zu sehen ist die Schau über die Architektur in Ludwigshafen und das Verhältnis des Philosophen Bloch (1885-1977) und seiner Frau, der Architektin Karola Bloch (1905-1999), bis 31. Oktober im Ludwigshafener Ernst-Bloch-Zentrum. Vor 100 Jahren entstand das von 1919 bis 1933 bestehende Bauhaus, das als einflussreichste Schule für Architektur, Design und Kunst des 20. Jahrhunderts gilt.

Als undeutsch lehnten die Nationalsozialisten den Bauhausstil ab und erweiterten die an das Ludwigshafener Straßenbahnsystem angeschlossene Siedlung ab 1934, erzählt Nauert. Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Mustersiedlung mit ihrer Kastanienallee durch die zentrale Ebertstraße schwere Zerstörungen. In den teilweise ausgebombten Wohnungen richteten sich die Menschen wieder häuslich ein, brachen Löcher für die Kamine ihrer Kohleöfen durch die Wände. Ab 1953 wurde die Siedlung erweitert und später saniert - noch immer lebt dort ein mittlerweile 95-jähriger Erstbewohner, dessen Eltern einen Friseursalon führten.

Ganz eigene Erinnerungen hat indes der 75 Jahre alte Günther Kanzler an seine Kindheit in der Ebertsiedlung. Die Ruinen seien "ein toller Abenteuerspielplatz" gewesen, sagt er. In den unterirdischen Versorgungsgängen vom Fernheizwerk zur Siedlung habe er "Kaulquappen gezüchtet und Schiffchen aus der Korkabdeckung der Rohre gebaut". Die Armut nach 1945 habe bei den Bewohnern zu einem großen Zusammenhalt geführt. 15 Jahre sei die Ebertsiedlung als Kind sein Revier gewesen, sagt Kanzler und fügt scherzend hinzu: "Hier ziehe ich wieder ein."

Von Alexander Lang (epd)