"Online-Proben können Singen in Gemeinschaft nicht ersetzen"

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Altbundespräsident Christian Wulff beim evangelischen Kirchentag in Dortmund
Hannover (epd)

Rund 14 Millionen Menschen musizieren hierzulande laut Deutschem Musikrat in ihrer Freizeit oder singen in einem Chor. In Corona-Zeiten fällt das Singen in der Gruppe aufgrund eines möglicherweise erhöhten Infektionsrisikos vorerst aus. Altbundespräsident Christian Wulff hofft, dass Sängerinnen und Sänger bald wieder wie gewohnt proben, auftreten und das Gemeinschaftsgefühl in den Chören genießen können. Für ihn als Präsident des Deutschen Chorverbandes gelte aber auch, dass niemand durch Gesang einem besonderen Corona-Risiko ausgesetzt werden darf, sagte Wulff im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Herr Wulff, man kennt Sie als Altbundespräsident und einstigen niedersächsischen Ministerpräsidenten. Weniger Menschen wissen vermutlich, dass Sie Präsident des Deutschen Chorverbandes sind. Was verbindet Sie ganz persönlich mit dem Singen?

Wulff: Für mich bedeutet Singen Zusammenhalt, Integration verschiedener Menschen und Begeisterung am gemeinsamen Tun. Als Präsident des Deutschen Chorverbandes habe ich ständig viele wunderbare Erlebnisse mit Chören und singenden Menschen. Dabei erlebe ich, wie das gemeinsame Singen Menschen verbindet und bewegt - und wie es auch mich bewegt. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, in diesem Jahr Anfang Mai beim Deutschen Chorfest in Leipzig mit vielen tausend Menschen auf dem Leipziger Marktplatz zu singen. Leider mussten wir das Chorfest in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie absagen, aber ich freue mich schon auf das Deutsche Chorfest 2022 in Leipzig.

epd: Ist absehbar, wann Chöre wieder proben oder gar auftreten können?

Wulff: Wir alle hoffen inständig, dass es bald wieder bundesweit möglich sein wird. Aber ich sehe auch bei den Chören, dass sie in großartiger Weise Verantwortung für alle übernehmen und nicht überstürzt handeln. Wir arbeiten als Deutscher Chorverband intensiv an einem Hygienekonzept, das in modifizierter Form als Basis für die einzelnen Chöre und die Gesundheitsämter dienen kann.

epd: Verschiedene Studien haben bereits das mögliche Infektionsrisiko beim Chorgesang ausgelotet, was legen die Ergebnisse nahe?

Wulff: Neueste Studien legen nahe, dass es beim Chorsingen kein spezifisch erhöhtes Risiko gibt. Vorangehende Studien hatten das anders gesehen. Wir sind hier - wie wir gerade auch an den Vorgängen in der Baptistengemeinde in Frankfurt sehen können - in einem Lernprozess, und die Risikoeinschätzungen der verschiedenen Studien variieren. Klar ist aber auch, dass wir niemanden gefährden wollen. Der Gesundheitsschutz geht vor. Gleichzeitig sind Sängerinnen und Sänger in der aktuellen Krise besser gerüstet als viele andere, weil das Singen die Lungenfunktion und die Resilienz stärkt. Singen hat eine erhebliche präventive Funktion! Sängerinnen und Sänger leben durchschnittlich länger, weil gesünder, sind weniger einsam und deshalb besser gerüstet.

epd: Welche Alternativen zum gemeinsamen Proben in einem Raum gibt es derzeit?

Wulff: Singen in Hallen und auf Stadiontribünen, überhaupt jetzt im Sommer im Freien, oder mit Abständen in belüfteten Räumen. Viele treffen sich seit Wochen online in verschiedensten Formaten. Das klappt auch wegen der unterschiedlichen Qualität der Verbindungen nicht immer in Probenqualität. Aber vielen hilft es, sich einfach zu sehen und auszutauschen. Viele lernen derzeit neue Wege des gemeinsamen Singens und Austauschs kennen - und auch schätzen.

epd: Gibt es Beispiele dafür, wie digitale Angebote genutzt werden?

Wulff: Mich begeistert, wie kreativ sich die Chöre und Ensembles auch an dieser Stelle zeigen: Von Stimmbildung per Video-Tutorial über virtuelle Konferenzen bis hin zum individuellen Einsingen einzelner Stimmen und dem Erstellen kreativer Multiscreen-Videos.

epd: Welche Probleme gibt es dabei?

Wulff: Ein Kernproblem bei allen Online-Diensten, das einem tatsächlichen "Live"-Chorsingen und gutem Zusammenklang im Wege steht, ist die zeitliche Verzögerung bei der Signalübermittlung. In diesem Bereich ist die Technik momentan leider noch nicht so weit. Andererseits wissen wir, dass wir selbst mit den besten digitalen Angeboten nicht alle erreichen und es beim Singen über das Internet vor allem an der Wärme zwischenmenschlicher Begegnungen fehlt.

epd: Im Chor zu Singen bietet auch ein Gemeinschaftserlebnis. Was geht alles verloren, wenn das nicht mehr möglich ist?

Wulff: Ja, Chor ist mehr als Singen. Wer im Chor singt, der ist in Gemeinschaft, der hat eine Heimat. Das alles kann man derzeit nicht oder jedenfalls nicht in gewohnter Form erleben. Deshalb scheint es mir auch wichtig, dass man die virtuellen Chortreffen nicht nur nach dem Maßstab beurteilt, ob sie eine Chorprobe ersetzen können oder nicht. Sondern eben auch sieht, dass den Sängerinnen und Sängern dadurch teilweise ermöglicht wird, Gemeinschaft zu erleben. Das kann analoge Zusammenkünfte nicht ersetzen, kann aber vielleicht einiges auffangen.

epd: Drohen Chöre zu sterben, womöglich im großen Stil?

Wulff: Das glaube ich nicht. Aber klar ist: Wir müssen verstehen, dass kulturelle und soziale Infrastruktur in Deutschland insgesamt in Gefahr ist. Wir erleben ja ohnehin, das die Bereitschaft schwindet, sich langfristig zu engagieren und sich an Vereine, Kirchen, Gewerkschaften oder Parteien zu binden. Das wird natürlich nun noch verstärkt, weil eben keine wirklichen Chorproben stattfinden und perspektivisch viele Menschen auch finanziell stärker gefordert sein werden als bislang.

epd: Wie ist derzeit die finanzielle Situation von Chorleitern, insbesondere der Freiberufler?

Wulff: Viele sind finanziell am Limit. Es war ja schon vor der Corona-Krise nicht so, dass man als Freiberufler im Kulturbereich finanziell auf Rosen gebettet war. Das hat sich nun noch verschärft.

epd: Was ist nötig, um ihre Lage zu verbessern?

Wulff: Da gibt es sicher unterschiedliche Punkte: Wichtig ist zunächst, den Kulturschaffenden kurzfristig zu helfen. Und dann sind Verbände und Politik in der Pflicht, gemeinsam über Wege nachzudenken, wie wir kulturelles Leben möglichst bald und möglichst weitgehend wieder ermöglichen können.

epd: Was sollte die Politik leisten?

Wulff: Die öffentliche Hand ist auf allen Ebenen gefordert, kurzfristig und unbürokratisch Hilfe zu leisten. Möglich wären zum Beispiel: die Auszahlungen von Zuwendungen, auch wenn Veranstaltungen derzeit nicht durchgeführt werden können; oder die Stundung beziehungsweise der Erlass von Mietzahlungen, wenn etwa Räumlichkeiten benutzt werden, die der öffentlichen Hand gehören.

epd: Und wie können einzelne beitragen?

Wulff: Alle sind in der Pflicht, jede und jeder einzelne. Wer möchte, dass seine Chorleiterin oder sein Chorleiter dem Chor erhalten bleibt, sollte diese Frage offen ansprechen und muss eventuell auch bereit sein, gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Chores ihr oder ihm über eine Durststrecke zu helfen, sofern das machbar ist. Wer mit einem Vereinsaustritt liebäugelt, sollte sich klarmachen, dass dies der denkbar ungünstigste Zeitpunkt ist. Ein Austritt derzeit könnte einem Verein oder Verband unter Umständen den Todesstoß versetzen.

epd-Gespräch: Karen Miether und Björn Schlüter