Mit der Kamera das Leben festhalten

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Jim Rakete wird 70 Jahre alt.
Fotograf Jim Rakete wird 70 Jahre alt
Berlin (epd)

Die Fotos von Jim Rakete halten die Zeit fest und wirken doch oft so dynamisch, als seien sie Bilder in Bewegung. Seine Werke schmücken Plattencover, prägen Titelblätter von Zeitschriften und Magazinen. Er porträtierte Stars der Rockmusik wie Mick Jagger, Jimi Hendrix und Nina Hagen, Schauspieler wie Sophie Rois und Otto Sander und begleitete Politiker wie Helmut Schmidt und Martin Schulz mit der Kamera. Kaum ein Fotograf schafft es wie er, den Menschen hinter der Maske ins Bild zu setzen.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist er mit der Kamera unterwegs. Am 1. Januar wird Jim Rakete 70 Jahre alt. Er kam 1951 in Berlin zur Welt, wo er auch heute lebt. Sein Nachname, erzählt er, verweist auf seine hugenottische Herkunft. Die eingedeutschte Bedeutung könnte besser nicht passen: Wie eine Rakete katapultierte er sich in die Spitzenriege der deutschen und internationalen Fotokunst. 2018 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Lieblingskamera ist bis heute eine Leica

Bereits als Vierjähriger bekommt Jim Rakete seine erste Kamera geschenkt. Eine Kleinbildkamera der Marke Praktika begleitet seine ersten Versuche als Fotograf, sein Lieblingsapparat ist bis heute eine Leica. Noch in der Schulzeit beginnt er, für eine Agentur zu arbeiten, sammelt erste Erfahrungen als freier Fotoreporter bei Tageszeitungen und Magazinen. Sein erstes Pressefoto, erzählt er, schoss er als 13-Jähriger: Dafür kletterte er während einer Mai-Kundgebung am Reichstag auf die Absperrung und schoss ein Bild von Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von West-Berlin. Den Print schenkte er Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Noch in der Schulzeit beginnt Jim Rakete ein Praktikum in einer Agentur. Mit 17 wird er zum Chronisten der Studentenrevolte in West-Berlin. In der Folgezeit fotografiert er Protagonisten der Bewegung wie Rainer Langhans, Uschi Obermaier und Otto Schily - zum 50. Jahrestag der 68er-Bewegung im Jahr 2018 holt er sie dann noch einmal vor die Kamera. Zu seinen frühen Arbeiten als freier Fotograf gehören auch Strecken über den irischen Dramatiker Samuel Beckett und die britische Rockgruppe Rolling Stones, die er im Auftrag der "BZ" fotografierte.

Musikerporträts werden Raketes Markenzeichen als Fotograf. Sein Faible für den Sound der Zeit führt ihn zu dann auch einer zweiten Karriere: Musikmanager. 1977 gründet er die legendäre "Fabrik" in einem Kreuzberger Hinterhof, betreut und fördert Rockbands zu Stars wie die Nina Hagen Band, später auch Spliff, Nena, Interzone, Die Ärzte und Prima Klima. Ein Jahrzehnt tourt Jim Rakete mit den Musikern durch Europa. Doch dann verlegt er sich wieder ganz aufs Fotografieren. Mit ikonischen Aufnahmen von Jimi Hendrix, Ray Charles, David Bowie und Herbert Grönemeyer schreibt er Musikgeschichte.

Als Porträtist ist Jim Rakete bis heute gefragt. Wichtig ist ihm der Dialog mit seinem Gegenüber, um den richtigen Moment für die Aufnahme zu finden. 2010 fotografiert er die Berliner Philharmoniker: Im Tageslicht, vor grauem Hintergrund, lichtet er die 123 Musiker als Einzelpersönlichkeiten mit ihrem Instrument ab. Hier wie auch in seinen anderen Arbeiten ist es das Individuum und nicht der Star, der aus den Bildern spricht.

Gesichter sind für Jim Rakete wie eine Landkarte, in der sich das Leben des Menschen einschreibt. Der Spaß und die Neugierde, die Enttäuschungen und freudigen Erlebnisse eines Lebens lassen sich in einem Gesicht ablesen. Das Persönliche herauszuarbeiten ist die Herausforderung, die den Fotografen fasziniert. Und es ist das, was seinen Bildern ihre Tiefe gibt.

Porträts auf Augenhöhe

Seine Kunst, sein Gegenüber im Augenblick des Klicks mit der Kamera zu erfassen, stellt der Fotograf nicht nur in Porträts von Popstars, Wirtschaftsbossen und Politikern unter Beweis. 2016 widmet er sich einem ganz besonderen Auftrag: Aus Anlass des 150-jährigen Bestehens der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel fotografiert er 50 Menschen aus der diakonischen Einrichtung, Frauen und Männer mit Behinderungen, mit psychischen Leiden, mit Suchterfahrungen.

"Wir sind viele" heißt die Ausstellung, die auch im Paul-Löbe-Haus in Berlin zu sehen war. Entstanden ist keine Sozialreportage, sondern es sind eindringliche Porträts auf Augenhöhe. Sie zeigen die Männer und Frauen in ihrer Verletzlichkeit aber auch in ihrer Stärke, fröhlich lachend, staunend, nachdenklich – eben in ihrem Menschsein.

Als Fotograf wie als Mensch ist Jim Rakete immer auch ein kritischer Zeitgenosse, den aktuelle Themen umtreiben wie beispielsweise der Klimawandel. In diesem Herbst sollte sein erster Kinofilm "Now" herauskommen. Beeindruckt von der "Fridays for Future"-Bewegung hat er die Akteure, Jugendliche wie Wissenschaftler, von den ersten Berliner Demos bis zum UN-Gipfel in einer Langzeit-Dokumentation begleitet. Der Kinostart wurde – pandemiebedingt – auf das Frühjahr 2021 verschoben. Der Film will aufrütteln. Jim Raketes Botschaft: keine Zukunft ohne Verzicht.

Von Sigrid Hoff (epd)