"Mama, warum bin ich kein Huhn?"

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Hans Traxler
Caricatura-Museum zeigt Retrospektive "Hans Traxler - Zum Neunzigsten"
Frankfurt a.M. (epd)

"Doch, alles ist wahr", sagt Hans Traxler zu seinem neuesten Buch, den im März in Bild und Text erschienenen Kindheitserinnerungen. Die Frage "Mama, warum bin ich kein Huhn?" habe er auf dem heimischen Bauernhof im böhmischem Sangerberg (Prameny) seiner Mutter gestellt. Doch später habe er sich nie mehr zu dieser philosophischen Höhe aufgeschwungen. Die 33 Bildblätter und ihre Texte sind in der Retrospektive "Hans Traxler - Zum Neunzigsten" im Caricatura-Museum in Frankfurt am Main vom 27. Mai bis 22. September zu sehen.

Die Ausstellung umfasse 345 Exponate des zeichnerischen, malerischen und schriftstellerischen Werks des Künstlers aus allen Schaffensphasen, erläutert die Kuratorin Lea Willimann. Es überwiegen die Bildergeschichten, die kolorierten Zeichnungen sind realistisch, selten karikaturenhaft verzerrt. "Ich wollte gerne ein bisschen in Erinnerung bleiben", erklärt Traxler. Das gelinge am besten mit realistischer Darstellung, denn ein bestimmter Stil wie eine Knollennase fessele den Autor und lasse neue Werke als langweilige Wiederholung erscheinen.

Teddybären auf der Draisine

Der im Frankfurter Nordend lebende Künstler mag keine Fesseln und Langeweile, er hat sich immer wieder neue Gebiete erschlossen. Mit vier Jahren schrieb er seine erste Bildergeschichte, wie er erzählt: Drei Teddybären fahren auf einer Draisine über Land und erleben haarsträubende Geschichten. Seinem älteren Bruder habe der Comic so gut gefallen, dass er ihn für 20 Heller kaufte. "Nachdem ich herausgefunden hatte, dass man für etwas, das Spaß macht, Geld bekommen konnte, um sich Dinge zu kaufen, die noch mehr Spaß machen, beschloss ich, nie mehr etwas anderes zu tun, als komische Zeichnungen zu machen."

Nach tausend Witzzeichnungen für Zeitschriften der Nachkriegszeit schulte sich Traxler weiter an der Frankfurter Städelschule. Das zahlte sich aus: Unter den satirischen Künstlern der "Neuen Frankfurter Schule" habe er am besten Porträts zeichnen können, erzählt er. "Bei zeitgeistigen Themen richteten sich in der Redaktionskonferenz der Titanic deshalb die Augen immer auf mich."

Zu seinen bekannten Karikaturen gehört die mit Pit Knorr entwickelte Verulkung des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl als Birne. In der Schau sind einige "Titanic"-Karikaturen der Reihe "Erledigte Fälle" zu sehen, etwa das "Porträt eines sackartigen Mannes" (1985) - es stellt den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher in wenig vorteilhafter Form dar.

"Die Wahrheit über Hänsel und Gretel"

Von der Satire wandte sich Traxler eher unpolitischen, komischen Zeichnungen zu, die er unter anderem in den Magazinen von "Zeit", SZ und FAZ veröffentlichte. Seine Bildergeschichten fordern den Betrachter meist zum Nachdenken auf. Wenige pflegen den offensichtlichen Witz, wie das Beispiel des Aquarells aus "Traxlers Kurzgeschichten" (2009): Ein Mann im Schlafanzug schläft auf einem Kratzbaum, während eine Katze grinsend im großen Bett liegt. "Herr Löhleins Katze hat einen starken Charakter", klärt die Unterzeile auf. Der Künstler sieht Wilhelm Busch als Vorbild seiner Bildergeschichten an, aber er beschränke sich meist auf eine Zeile Text, erklärt Traxler sein Markenzeichen.

Traxler schrieb und zeichnete Bücher, angefangen von der Wissenschaftsparodie "Die Wahrheit über Hänsel und Gretel" (1963), über "Aus dem Leben der Gummibärchen" (1992), das noch heute in den USA verlegt werde, bis zu Bilderbüchern für Kinder. Diese würden auch auf Chinesisch, Koreanisch und Arabisch herausgebracht, erzählt der Künstler stolz. In der Schau sind Bildergeschichten etwa aus "Ich, Gott und die Welt", dem Schutzengel- und Teufelbuch oder aus "Die Reise nach Jerusalem" zu sehen, ebenso Illustrationen zu Werken von Mark Twain und Christian Morgenstern.

Traxlers Schaffensdrang ist ungebrochen: In diesem Jahr vollende er vier Bücher, für das nächste Jahr seien schon zwei geplant, versichert er.

Von Jens Bayer-Gimm (epd)