Klexchen der Poesie

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In der Fontane-Ausstellung in Neuruppin.
Ausstellung zu Fontanes 200. Geburtstag nimmt den Autor beim Wort
Neuruppin (epd)

Gelb, genauer "Schwefelgelb" ist die Farbe im Fontane-Jahr: Auf gelbem Untergrund leuchtende Wörter wie "Ötepotöte" aus dem Roman "Frau Jenny Treibel" fallen schon im Straßenraum ins Auge und leiten die Besucher zum Neuruppiner Museum. Hier wimmelt es nur so von gelben Bannern und Schildern mit schwarz aufgedruckten Worten. Als "Klexchen" charakterisierte Theodor Fontane (1819-1898) einst ironisch seine poetischen Einfälle.

160 "Klexchen" haben die Kuratoren ausgewählt, Wörter oder Worterfindungen Fontanes, die sich durch die gesamte Ausstellung ziehen, Objekte kommentieren, mit Fontanes Biografie oder seinem Werk in Verbindung gesetzt werden oder anderen Wortschöpfungen des Autors gegenübergestellt sind. Von "Ängstlichkeitsprovinz", einem Begriff, den Fontane in "Irrungen und Wirrungen" ironisch für die Mark Brandenburg benutzt, über "Gespensterbedürfnis" in "Vor dem Sturm" bis zu "verschwelt", um die Zerstörungskraft des Feuers in der Ballade "John Maynard" zu beschreiben.

Hauptexponat Wort

"Fontane 200/Autor" ist der schlichte Titel der Geburtstagsschau, die den Autor ganz buchstäblich beim Wort nimmt. Die von der Kulturstiftung des Bundes und vom Kulturministerium Brandenburg geförderte Ausstellung ist ein Projekt der Brandenburgischen Gesellschaft für Kultur und Geschichte in Kooperation mit der Universität Potsdam und der Fontanestadt Neuruppin. An der festlichen Eröffnung zum offiziellen Start des Fontane-Jahres am 30. März nahm auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teil.

Das Hauptexponat der Ausstellung ist das Wort. "Es gibt bei uns Kapitel zum Schreiben, zum Texte erfinden, zum Mixen, zum Spielen mit Wörtern, was sind Grundelemente von Fontanes Sätzen, was macht seine Sprachkunst aus", beschreibt Kuratorin Heike Gfrereis den Ansatz. Die Germanistin, die am Literaturarchiv Marbach die Museumsabteilung leitet, stand vor der Herausforderung, einen Autor, den die meisten Besucher höchstens über die Pflichtlektüre aus der Schule kennen, Lesern im 21. Jahrhundert nahe zu bringen.

Im Mittelpunkt des ersten Kapitels steht der wohl bekannteste Roman Fontanes, "Effi Briest". Ein ganzer Raum im modernen Erweiterungsbau des Museums ist der Machart dieses Werks gewidmet. Auf dem Boden ein Wortteppich, von der Decke hängen Pappkisten mit Namen, sie stehen für die handelnden Personen, die kurz charakterisiert werden, rote Bänder sind quer durch den Raum gespannt und illustrieren das Beziehungsnetzwerk von Effi. An einer Fensterwand klebt ein runder Kreis wie ein Mandala, gebildet aus Satzzeichen, in dem die Häufigkeit der Anführungsstriche den großen Anteil der wörtlichen Rede illustriert. Methoden der digitalen Textanalyse sind das Hilfsmittel, den Zugang zu diesem Roman wie auch zu anderen Werken Fontanes neu zu erschließen.

Das zweite Kapitel gibt mit Notizbüchern, Listen, Entwürfen und kleinen Zeichnungen Einblick in Fontanes Schreibwerkstatt. Das wichtigste Hilfsmittel für den Autor waren die Notizbücher, eng beschriebene Seiten, mitunter durch Zeichnungen ergänzt. 67 davon sind erhalten und stehen mittlerweile im Netz. Hier sind sie im Original ausgelegt, einzelne Seiten sind aufgeschlagen, insbesondere für das Verfassen seiner "Märkischen Wanderungen" nutzte Fontane auch die Zeichnungen.

"Zärtlichkeitsallüren"

Das Kapitel "Mixen" stellt Fontanes Wörter in Beziehung zu Exponaten in den Räumen der Dauerausstellung zur Geschichte Neuruppins, die in den Rundgang integriert sind. So wird die Frage, ob Fontanes antisemitische Äußerungen den Zeitgeist spiegeln, im Raum über die Geschichte der Neuruppiner Juden aufgegriffen.

Kuratorin Heike Gfrereis ist begeistert von Fontanes Substantivverbindungen, "weil er mit ganz wenigen Wortkombinationen wie 'Generalweltanbrennung' oder 'Zärtlichkeitsallüren' eine ganze Welt und eine Haltung ausdrückt". Immer wieder sind Besucher eingeladen, eigene Wortschöpfungen zu kreieren.

Die kundigen Fontane-Leser wird diese Konzentration auf das einzelne Wort statt auf ganze Werke vielleicht befremden. Mitunter hätte man gern weniger "Klexchen" und mehr Text gelesen. Doch das Sichtbarmachen von Fontanes klangvollen und bildhaften Wortschöpfungen macht durchaus Lust, den 200 Jahre alten Schriftsteller und seine Werke neu oder wiederzuentdecken.

Von Sigrid Hoff (epd)