Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

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Die Literaturwissenschaftlerin Inger Lison und Pippi Langstrumpf
Die Kinderbuchheldin Pippi Langstrumpf wird 75 Jahre alt
Frankfurt a.M. (epd)

Das Mädchen mit den roten Zöpfen und den vielen Sommersprossen ist weltweit bekannt: Gemeinsam mit Äffchen und Pferd zieht die neunjährige Pippi Langstrumpf in die Villa Kunterbunt - ohne Mutter und Vater, aber mit einem Koffer voller Goldstücke. Erfunden wurde die fröhlich-freche, liebenswerte und abenteuerlustige Göre von der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren (1907-2002) während des Zweiten Weltkriegs. Vor 75 Jahren wurde die Geschichte in Schweden veröffentlicht.

Der Hamburger Oetinger Verlag feiert das Jubiläum am 21. Mai, dem Geburtstag von Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman. Für sie hatte sich Lindgren die Geschichte über das Mädchen mit den übernatürlichen Körperkräften ausgedacht. Pippi ist unabhängig von allen Erwachsenen und lebt ihr Leben, wie es ihr gefällt - für die damalige Zeit selbst in der Kinderliteratur undenkbar. Daher schickte Lindgren das Manuskript an einen Verlag mit den Worten: "In der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren."

Das passierte nicht. Befürchtet wurde aber ein negativer Einfluss auf Kinder. Erst in einer überarbeiteten Version erschien "Pippi" erstmals am 26. November 1945 im Verlag Rabén & Sjögren. Fünf deutsche Verlage lehnten das Buch ab, bevor der Hamburger Verleger Friedrich Oetinger es 1949 nach Deutschland holte.

"Kinder verwirrt"

Kritische Stimmen gab es auch hier. So hielt die bibliothekarische Fachzeitschrift "Bücherei und Bildung" 1949/50 das Buch nicht geeignet für Kinder unter 14 Jahren. Die Grenzen von Fantasie und Wirklichkeit würden so verwischt, "dass Kinder verwirrt werden müssen", hieß es. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" dagegen lobte 1950: "Da müssen die Schweden daherkommen und uns zeigen, wie man das köstlichste Kinderbuch der Welt macht."

Bis heute ist der Erfolg ungebrochen. Die drei Pippi-Bände wurden verfilmt, in 77 Sprachen übersetzt und 66 Millionen Mal verkauft - davon allein in Deutschland 8,6 Millionen Mal. Das stärkste Mädchen der Welt ist auch unter den Namen Pippi Tat Dai (Vietnam), Pipi Pikksukk (Estland), Fifi Brindacier (Frankreich) oder Pippi Longstocking (USA) bekannt.

Sie war die erste weibliche Hauptfigur in Kinderbüchern, die mit den Konventionen gebrochen hat. "Sie ist finanziell unabhängig, sprachlich souverän, hinterfragt Erwachsene und entscheidet selbst über ihre Freunde oder was sie essen will", erläutert die Literaturwissenschaftlerin Inger Lison von der Universität Hannover.

Die Faszination und Begeisterung der Leserinnen und Leser über die Jahrzehnte hinweg erklärt die Leiterin der Astrid-Lindgren-Datenbank mit den zeitlosen Themen: "Es geht um Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Abenteuer, Mut und das Verhältnis von Kindern Erwachsenen gegenüber."

Kampagne "Pippi of Today"

Viele Jungen und Mädchen wollten selbst nicht wie Pippi sein, sondern wünschten sich diese vielmehr "als aufregende Spielkameradin in der Nachbarschaft". Auch heute sei Pippi ein wichtiges Vorbild für Mädchen, selbstbewusst und gleichberechtigt ihren eigenen Weg zu gehen, sagt Lison.

Das Mädchen, das ohne Mühe ihr eigenes Pferd anheben kann, war auch Michelle Obamas Lieblings-Kinderbuchheldin. Sie habe nicht nur Pippis körperliche Stärke, sondern auch ihre Souveränität bewundert, sagte sie einmal der "New York Times": "Was ich am meisten liebte, war, dass sie ein Mädchen war, und ein wenig anders, und trotzdem die beeindruckendste Figur in diesen Büchern." Und Autorin Cornelia Funke findet: "Pippi hat uns schon als kleine Mädchen beigebracht, dass Frauen einfach alles können."

Selbst in die Fußball-Stadien schaffte sie es: So wurde der Fangesang von Eintracht Frankfurt zur Melodie eines Pippi-Langstrumpf-Lieds getextet:" Hey, Eintracht Frankfurt …"

Wie die Geschichten von Pippi Langstrumpf benachteiligten Kindern helfen können, zeigt die Kampagne "Pippi of Today", die von der Astrid Lindgren Company gemeinsam mit der Kinderschutzorganisation "Save the Children" in diesem Jahr ins Leben gerufen wurde. Ziel ist es, Kindern auf der Flucht neuen Mut zu schenken.

"Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt", heißt es in einem der Pippi-Langstrumpf-Lieder. Sie macht sich zwar ihre eigenen Regeln, denkt dabei aber immer an ihre Freunde. In Corona-Zeiten würde das Mädchen, das nie erwachsen werden wollte, wohl für alle in der Apotheke "vier Liter Medusin" bestellen - "richtig feine Medusin", die gegen alles hilft.

Christine Süß-Demuth (epd)