"Heilige Johanna mit der Gitarre"

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Joan Baez (2015)
Die Folksängerin und Friedensaktivistin Joan Baez wird 80 Jahre alt
Frankfurt a.M. (epd)

Ikone des Folk, Pazifistin und Songwriterin: Seit mehr als 60 Jahren erhebt Joan Baez ihre glockenhelle Stimme mit dem auffälligen Tremolo für Freiheit, Frieden und Menschenrechte. Als Friedensbotschafterin reiste sie mit ihrer Gitarre in Kriegs- und Krisengebiete. Gegen Unterdrückung, Hass und Gewalt setzt sie das Prinzip der absoluten Gewaltlosigkeit. Am 9. Januar wird sie 80 Jahre alt.

Baez, die 1941 im New Yorker Stadtteil Staten Island geboren wurde, lebt heute zurückgezogen im kalifornischen Woodside in der Nähe von San Francisco. Die ernst wirkende Frau mit den einst langen schwarzen Haaren war eine Wegbegleiterin von Martin Luther King. Im Jahr 1963 trat sie beim Marsch auf Washington auf, wo der Bürgerrechtler seine berühmte Rede "I Have A Dream" hielt. Die 22-jährige Joan Baez sang "We Shall Overcome", ein Appell zur Überwindung der Rassenschranken und des Völkerzwists. Das Lied wurde zur Hymne der Friedensbewegung.

Protest gegen Vietnamkrieg

Während des Vietnamkriegs rief Baez junge US-Amerikaner auf, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Im Jahr 1967 musste sie für ihre Anti-Kriegs-Aktionen insgesamt einen Monat ins Gefängnis. Sie protestierte vor Gefängnissen gegen die Todesstrafe, traf in Lateinamerika Mütter, deren Kinder in den Militärdiktaturen verschleppt und ermordet worden waren. An Weihnachten 1972 wurde sie auf einer Friedensmission im nordvietnamesischen Hanoi von einem Flächenbombardement der US-Luftwaffe überrascht und saß mit Todesangst im Luftschutzkeller.

"Schlechter als Gewaltlosigkeit ist nur Gewalt", kommentierte Joan Baez ihre politischen Aktionen in der Dokumentation "How Sweet The Sound" (2010). Ihre Eltern gehörten der pazifistisch geprägten Glaubensgemeinschaft der Quäker an. Sie brachten Joan mit Mahatma Gandhis Philosophie des zivilen Ungehorsams in Kontakt und bildeten ihr soziales Gewissen aus. "Seit ich zehn war, beschäftigt mich nur der eine Wunsch: dass die Leute aufhören, sich gegenseitig das Gehirn aus dem Schädel zu blasen", sagte sie in einem Interview.

Mit 16 Jahren weigerte sie sich, an einer Luftschutzübung ihrer Schule teilzunehmen - und begann ein Jahr später ihre Karriere als Folksängerin in den Cafés und Clubs der Universitätsstadt Cambridge bei Boston. Ein Auftritt 1959 beim "Newport Folk Festival" brachte für sie den musikalischen Durchbruch. Baez wurde zur Folk-Queen.

Sie interpretierte zunächst traditionellen Folk, Gospels und Gewerkschaftslieder und perfektionierte das Fingerpicking auf der Akustikgitarre. Vor allem die Begegnung mit dem Folk-Poeten Bob Dylan im Jahr 1961 ließ Baez' Musik politischer werden, macht der Autor Jens Rosteck in seiner Baez-Biografie (2017) deutlich. Dylan schrieb grandiose Songs mit gesellschaftskritischen Texten wie "Blowin' In The Wind". Baez half seiner Weltkarriere auf die Sprünge, holte ihn zu sich auf die Bühne.

Mitte der 1960er Jahre galten Baez und Dylan als das "Königspaar des Folk", einige Monate lang waren sie auch privat ein Paar. Als sie den genialen "ungepflegten kleinen Kerl" (Baez) als Fürsprecher für die Friedensbewegung gewinnen wollte, habe Dylan sich aber gesträubt, erinnert sich die Sängerin. Ihre verletzten Gefühle arbeitete sie in dem Song "Diamonds and Rust" (1975) auf - für viele Fans und Kritiker ihr vielleicht bestes selbst geschriebenes Stück.

Rund 40 Alben hat Baez in ihrer Karriere veröffentlicht. Balladen wie "The Night They Drove Old Dixie Down" über die Erinnerungen eines Bürgerkriegsveteranen aus den Südstaaten oder "Joe Hill" über einen Justizmord an einem Gewerkschaftsaktivisten wurden Hits. Der große Ernst, mit dem Joan Baez unentwegt für ihre Sache eintritt, brachte ihr auch Hass und Häme entgegen: Als moralinsaure und oberlehrerhafte "falsche Joanie" wurde sie geschmäht.

Unterstützerin von Amnesty International

Immer wieder führte Baez' Weg nach Deutschland. Im Jahr 1966 mischte sie sich unter die westdeutschen Ostermarschierer gegen Atomwaffen. In Ostberlin traf sie den Liedermacher und DDR-Dissidenten Wolf Biermann, der sie "Heilige Johanna mit der Gitarre" nannte. Bis heute unterstützt sie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die sie 2015 in Berlin mit dem Preis "Botschafterin des Gewissens" auszeichnete. Dem noch amtierenden US-Präsidenten Donald Trump bot sie von Anfang an die Stirn: Ihm widmete sie 2017 das Lied "Nasty Man" (Scheußlicher Mann).

Nach einer weltweiten Abschiedstournee zog sich Joan Baez 2019 von der Bühne zurück. In der Corona-Krise greift sie in ihrem Haus zur Gitarre und postet Videoclips auf Facebook, in denen sie den Menschen Mut zuspricht. Ihre kreative Kraft verlegt sie nun auf das Porträtmalen. Den großen Traum ihrer Generation habe sie nicht aufgegeben, sagte sie kürzlich dem Musikmagazin "Rolling Stone": "Ich würde immer empfehlen, jedes Risiko auf sich zu nehmen, um die Welt besser für Menschen zu machen, die weniger als man selbst haben, die leiden und die ohne Stimme sind."

Von Alexander Lang (epd)