documenta-Gesellschafter stellen Expertenteam vor

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Auf der documenta ausgelegte faksimilierte Zeitungen und Broschüren des algerischen Archivs "Luttes des Femmes en Algerie" mit antisemitischer Bildsprache
Kassel (epd).

Die Gesellschafter der documenta haben sieben Expertinnen und Experten benannt, die die Kasseler Kunstausstellung in den kommenden Monaten wissenschaftlich begleiten sollen. Den Vorsitz werde die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff übernehmen, teilten die Gesellschafter am 1. August in Kassel mit. Unterdessen betonten die Wissenschaftler, dass sie eigenständig und ergebnisoffenen arbeiten werden.

Neben Deitelhoff, dem geschäftsführenden Vorstandsmitglied des Leibniz-Instituts „Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung“, gehören zu dem Expertenteam auch die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann, die Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt University of Applied Sciences, Julia Bernstein, und die Psychologin und Verhaltenswissenschaftlerin Marina Chernivsky, die unter anderem für die Zentralwohlfahrtstelle der Juden arbeitet.

Wissenschaftlich begleiten werden die documenta auch der Geschichtsprofessor Peter Jelavich von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (USA), der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers von der Berliner Humboldt-Universität sowie der Historiker Facil Tesfaye, Juniorprofessor an der School of Modern Languages and Cultures der Universität Hongkong.

Antisemitisches Banner abgehängt

Die diesjährige documenta wird bereits seit der Vorbereitungsphase von Antisemitismus-Vorwürfen überschattet. Kurz nach Eröffnung der Ausstellung Mitte Juni wurde das Banner „People's Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi wegen antisemitischer Motive abgehängt. In der vergangenen Woche wurden Zeichnungen des syrischen Künstlers Burhan Karkoutly mit antisemitischer Bildsprache bekannt.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) forderte, die Expertise der Fachleute dürfe nicht folgenlos bleiben. „Mit der Kunstfreiheit geht in öffentlich geförderten Kulturinstitutionen Verantwortlichkeit einher“, erklärte sie.

Die sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklärten am 1. August in ihrer Stellungnahme, sie seien „irritiert“, dass die Leitung der documenta trotz ihres Bekenntnisses zur Offenheit schon bei ihrer Einsetzung „wesentliche Fragen des Umgangs mit antisemitischer Kunst festzulegen scheint“. Die von ihr vertretene Position, dass weder weitere Kunstwerke aufgrund antisemitischer Inhalte entfernt werden müssten, noch eine systematische Prüfung der Werke notwendig sei, widersprächen einem „fachlichen und ergebnisoffenen Dialog“.

„Jüdische Perspektiven einbinden“

Kritik übt der Expertenrat auch daran, dass die Wirkung der Debatte um die antisemitischen Kunstwerke auf die jüdische Gemeinschaft in den öffentlichen Stellungnahmen der documenta bislang kaum berücksichtigt worden sei. „Wir werden uns als Gremium dafür einsetzen, dass jüdische Perspektiven bei der Aufarbeitung der Vorgänge bedacht und eingebunden werden.“

Der Kasseler Oberbürgermeister und Vorsitzende des documenta-Aufsichtsrats, Christian Geselle (SPD), formulierte bei der Einsetzung des Gremiums die Erwartung, „dass unter Berücksichtigung der grundrechtlich geschützten Kunstfreiheit Hinweisen auf mögliche antisemitische Bildsprache und Beförderung von israel-bezogenem Antisemitismus nachgegangen wird“. Die hessische Kunstministerin und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Angela Dorn (Grüne) gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die „Aufarbeitung des Geschehenen und ein Lernen für die Zukunft“ das verloren gegangene Vertrauen wieder zurückgewinnen kann.