Die Kunst der großen Gefühle

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Kirchners "Farbentanz" (1932) in der Ausstellung "Passion Leidenschaft".
LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster widmet sich der Leidenschaft
Münster (epd)

Der Kontrast könnte nicht größer sein. Leicht und spielerisch mutet Ernst Ludwig Kirchners "Farbentanz" von 1932 an. Drei bunte Figuren strecken die Arme einer nicht weniger farbenfrohen Sonne entgegen. Gegenüber hängt Edvard Munchs "Weinendes Mädchen" von 1909. Nackt steht es an der Seite ihres Bettes, den Kopf in tiefer Traurigkeit gesenkt. Die beiden so gegensätzlich wirkenden Bilder sind Teil der Ausstellung "Passion Leidenschaft. Die Kunst der großen Gefühle", die bis zum 14. Februar 2021 im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster zu sehen ist.

"Gefühle prägen unsere Gesellschaft und unser Miteinander", betont Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Die Ausstellung solle die Besucherinnen und Besucher emotional berühren und ihnen vor Augen führen, "dass große Gefühle zeitlos sind".

Leihgaben trotz Corona

Die Schmerzen des antiken Laokoon, der Rausch von Bacchus-Jüngerinnen, die Leiden Christi und die Euphorie, die Liebende befällt, all das wird in der Ausstellung anschaulich und bildmächtig präsentiert. Dazu hat Kuratorin Petra Marx rund 200 Werke thematisch zusammengestellt, die einen Zeitraum von 2000 Jahren umfassen. "Ich bin glücklich, dass wir die Ausstellung trotz Corona realisieren konnten", sagt sie. "Wir haben lange gezittert, dann aber doch alle Leihgaben bekommen, auch die Werke aus Frankreich, Italien und Großbritannien." Zu den Objekten zählen Gemälde und Skulpturen von namhaften Künstlern wie Rembrandt, Camille Claudel und Auguste Rodin, Egon Schiele, Edvard Munch oder Käthe Kollwitz bis hin zu Videoinstallationen des US-Amerikaners Bill Viola.

Die Ausstellung deckt sechs Themenbereiche ab. Der erste Raum beschäftigt sich mit Körpersprache, während im zweiten mit Kunstwerken von der Antike bis zur Gegenwart eine Art Theorie der Leidenschaft geliefert wird. Dort sticht "Der Bethlehemitische Kindsmord" von Peter Paul Rubens (1637) mit seinem dramatischen Bildaufbau ins Auge. Auch Nachbauten antiker Theatermasken sind zu sehen sowie ein 1682 entstandenes Gemälde von Jean Boinard, bei dem mit Hilfe eines Schiebemechanismus der Mund so verändert werden kann, dass der Porträtierte einmal fröhlich, einmal traurig wirkt.

Liebe und christliche Passion

Der dritte Raum ist ganz der Liebe gewidmet: Großformatig präsentiert Pauwels Franck beispielsweise eine Liebesszene mit sieben Paaren in unterschiedlichen Stadien der Annäherung, voll Begierde und Leidenschaft. Die dunklen Seiten der Liebe thematisiert dagegen das Selbstporträt von Nan Goldin aus dem Jahr 1984. Die Fotografie zeigt sie, nachdem ihr Freund sie verprügelt hat. "Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit" nennt Goldin in Anspielung auf Bertolt Brecht ihr Werk über Eifersucht und Gewalt.

Die christliche Passion ist ein Schwerpunkt der Themenschau. Aus dem Jahr 2007 stammt etwa eine lebensgroße Pietà-Skulptur der Belgierin Berlinde De Bruyckere, die allein den geschundenen Leib Christi zeigt. Ein sechsminütiger Videoausschnitt aus dem "Orgien Mysterien Theater" des Österreichers Hermann Nitsch lässt den Betrachter verstört zurück, während diverse Märtyrer-Darstellungen das Wechselspiel zwischen Schmerz und religiöser Ekstase in den Minen der dargestellten Personen wiedergeben.

Auch Martha Roslers Digitaldruck "Point & Shoot" von 2016 im fünften Themenraum über Gefühle im politischen Kontext rüttelt auf. Es ist ein Bild des US-Präsidenten Donald Trump, blutrot überschrieben mit dem Satz "Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschießen und würde keine Wähler verlieren", den er 2016 in einem christlichen College in Iowa gesagt hatte.

"Sehnsucht nach tiefen Empfindungen"

Den Abschluss des Rundgangs bilden Selbstporträts von Künstlern und Künstlerinnen, in denen sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. "Heute gibt es eine Sehnsucht nach tiefen Empfindungen, und die Kunst ist das Medium, das diese Leidenschaften am tiefsten zum Ausdruck bringt", erklärt Museumsdirektor Hermann Arnold und lädt die Besucher ein, mit mitzufühlen mit dem, was sie in der Ausstellung zu sehen bekommen.

Und wer sich selbst nicht ganz sicher seiner Gefühle ist, kann die sogenannte Leidenschaftskurve testen. Die Station im letzten Raum analysiert die Mimik des jeweiligen Betrachters und verrät, ob sie oder er gerade Liebe, Hass, Gelassenheit oder Wut empfinden.

Von Helmut Jasny (epd)