Der Nase nach
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Patrizier mit Bisamapfel: "Bildnis des Eitel Besserer" von Martin Schaffner (1516)
Forschende entschlüsseln historische Gerüche
Ulm, Erlangen (epd).

Allein die Nase zählt bei dieser ganz besonderen Führung im Ulmer Museum: Gemälde werden als Duftquellen erschlossen. Wie riechen Wein und Banane auf einem Stillleben oder welchen Geruch verströmt ein Bisamapfel, gemalt im 16. Jahrhundert? Die kleine Gruppe, die sich unter Leitung von Kunsthistorikerin Florence Riecker zur Führung „Der Nase nach!“ aufgemacht hat, erschnüffelt konzentriert und mit geschlossenen Augen aus kleinen Plastik-Flakons die Duftnoten, die sich mit den Gemälden verbinden. So sollten ganz neue Einblicke in die Geschichte Europas und der Kunst geschaffen werden, sagt Riecker.

Gerüche gehören zur sinnlichen Wahrnehmung der Menschen, ein bestimmter Geruch erinnert an konkrete Situationen, führt direkt in die Kindheit oder Schulzeit zurück, wie Riecker erläutert. Die Betrachtung der Geschichte laufe bisher jedoch nur über Texte oder Bilder. Dabei wäre es auch eine wesentliche Dimension, zu wissen, wie es auf dem Schlachtfeld von Waterloo oder in einer mittelalterlichen Gasse gerochen habe. Aus diesem Grund will das wissenschaftliche EU-Projekt „Odeuropa“ den Geruchssinn als elementaren Bestandteil des Zugangs zur Welt neu erschließen.

Sechs Forschungs-Teams, eines davon an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), rekonstruieren mit modernen Verfahren Gerüche der Vergangenheit. An der FAU sind Forschende aus den Geisteswissenschaften, der Chemie und den Digitalwissenschaften beteiligt. Dazu werden alte Texte und Bilder von einer Software nach Geruchshinweisen durchsucht und verarbeitet. Rund 219.000 Textbausteine und fast 5.000 Bilder konnten auf diese Weise bereits gesammelt werden.

Duft aus dem Bisamapfel

Chemieprofessorin Andrea Büttner erklärt, dass für das Entschlüsseln von alten Gerüchen vielfältige Recherchen notwendig sind. Ein Beispiel ist das im Ulmer Museum gezeigte Porträt des Ulmer Patriziers Eitel Besserer von 1516, geschaffen von Martin Schaffner. Der würdige Ratsherr trägt nicht nur einen gewaltigen Bart und teuren Pelz, sondern auch einen sogenannten Bisamapfel - eine von Löchern durchbrochene Duftkugel.

„Man muss zunächst in verschiedenen Dokumenten nachvollziehen, wie dieser Bisamapfel verwendet wurde - zu welchen Anlässen, in welchem Setting und welche Stoffe darin enthalten waren“, erklärt Büttner. Dann müssen die Forschenden herausfinden, wie diese Stoffe in der damaligen Zeit hergestellt wurden.

Wurden sie aus fernen Ländern hertransportiert? Wenn ja, in welchen Gefäßen? Ging die Reise durch heiße Wüstengebiete oder waren die Rohmaterialien salziger Meeresluft ausgesetzt? All das hat einen deutlichen Einfluss auf den Geruch und führt dazu, dass Stoffe nach einer Reise ganz anders riechen als dort, wo sie frisch hergestellt wurden. „Man wird bei diesen vielen Variablen sicherlich nicht zu einem hundertprozentigen Abbild dieser Gerüche kommen“, sagt die Aroma- und Geruchsforscherin.

Dennoch versucht das internationale Forschungs-Team, Rezepte für die verschiedenen entschlüsselten Düfte anzulegen, die in einer Datenbank gespeichert werden. „Man muss sich genau überlegen, welche Substanzen in welchen Konzentrationen und in welchem Lösungsmittel diesen Geruch ergeben“, beschreibt Büttner die kleinteilige Arbeit. Jeder einzelne Geruch umfasse leicht den Aufwand einer Doktorarbeit. Wenn es genaue Informationen über Moleküle und Rezepte gibt, können die Düfte nachgebildet werden.

So wie der des Bisamapfels, dessen Duftstoffe die „Miasmen“ vertreiben sollten - schädliche Ausdünstungen, die damals als Ursache für alle möglichen Krankheiten gesehen wurden. Die Bezeichnung der Krankheit Malaria, die auf das lateinische „mala aer“ (schlechte Luft) zurückgeht, erinnere noch heute an diese Vorstellung, sagt Riecker. Diesen desinfizierenden Abwehrduft können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Führung aus den kleinen Plastikampullen vor die Nase sprühen und die Komponenten des Geruchs erraten, der sich unter anderem aus Lavendel, Majoran, Zimt, Rose und Ambra zusammensetzt.

„Menschen wollen Ledergeruch“

Als Geschäftsführerin des Fraunhofer-Instituts für Verfahrenstechnik und Verpackung geht es Andrea Büttner bei „Odeuropa“ allerdings nicht nur darum, Historisches erlebbar zu machen. Die Erkenntnisse seien auch nutzbar für aktuelle Fragen der Ernährungswirtschaft und der Bioökonomie, sagt sie: Ein Beispiel ist das Material Leder, mit dem ein charakteristischer Geruch verbunden wird, der beim Gerben entsteht. Inzwischen könnten Tierhäute auch mit anderen Verfahren gegerbt werden. Sogar veganes Leder aus Pilzgewebe gibt es. Das ist umweltverträglicher und günstiger - und riecht nicht. „Doch da kommt das kulturelle Erbe ins Spiel: Die Menschen wollen unbedingt den Ledergeruch.“

Für die Produktentwicklung könnten Lederproben aus verschiedenen Jahrhunderten und Texte über die Herstellung und den Geruch von Leder miteinander verglichen werden, um herauszufinden, was die Menschen daran begeistere. Am Ende könnte ein künstlicher Ledergeruch hergestellt werden, um die Akzeptanz des neuen, nachhaltigen Produktes zu steigern. „Insofern ist “Odeuropa„ ein Projekt, das Türen öffnet für neue Fragen und viele weitere Forschungsstränge“, findet Büttner.

Mit einem Abstecher in den Alltag schließt auch die Führung im Ulmer Museum: Das Stillleben „Tableau Piège No. 7“ von Daniel Spoerri zeigt Essensreste, benutztes Geschirr, Gläser und Zigarettenstummel nach dem Ende einer Mahlzeit. Zur optischen Ansicht kommen die Gerüche einer angegammelten Banane, von schalem Rotwein und kalter Asche hinzu - und das Gemälde wird zu einem beeindruckenden Gesamterlebnis.

Ab Ende Januar werden die olfaktorischen Führungen im Ulmer Museum weitergehen. Vielleicht wird dann auch das Schmuckstück des Museums, die kleine, rund 40.000 Jahre alte Figur des „Löwenmenschen“ miteinbezogen, die als eines der ältesten von Menschen geschaffenes Kunstwerk gilt. Dann könnten die Besucher sogar die Gerüche einer Höhle in der Steinzeit einatmen.

Von Achim Schmid und Julia Riese (epd)