Architekt der fließenden Räume
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Philharmonie in Berlin
Vor 50 Jahren starb Hans Scharoun
Berlin (epd).

Ein Raum für Musik, der zur Ikone geworden ist: Die Philharmonie am Potsdamer Platz in Berlin ist ein Meisterwerk der Nachkriegsmoderne. Sie ist ein Konzertsaal neuen Typs, der Maßstäbe für andere setzte, von der Kölner Philharmonie über das Neue Gewandhaus in Leipzig bis zur Walt Disney Hall in Los Angeles.

„Musik im Mittelpunkt“ nannte der Architekt Hans Scharoun (1893-1972) sein Konzept. Er platzierte das Orchester annähernd im Zentrum, umgeben von terrassenartig aufsteigenden Sitzreihen, die in versetzt angeordneten Blöcken das Podium umgeben. Für Scharoun symbolisierte der 1963 eröffnete Saal zugleich die neue demokratische Nachkriegsgesellschaft in Deutschland.

Hans Scharoun starb vor 50 Jahren, am 25. November 1972. Bis heute ist die Berliner Philharmonie mit ihrer goldenen Außenhaut und der zeltartigen Dachsilhouette sein vielleicht bekanntester Bau.

Verschmelzung von Form und Funktion

Geprägt wurde der Architekt von der Küste: Er kam 1893 in Bremen zur Welt und wuchs in Bremerhaven auf. Immer wieder verwendete er in seinen Entwürfen Elemente aus dem Schiffsbau wie runde Öffnungen, langgestreckte Fensterbänder oder bugförmige Rundungen. In Bremerhaven realisierte er mit dem Deutschen Schiffahrtsmuseum (1969-1975) einen seiner letzten Bauten.

Schon die ersten Zeichnungen des Schülers offenbarten eine hohe künstlerische Begabung, stellt Sybille Hoiman fest, Leiterin des Baukunstarchivs der Berliner Akademie der Künste. Sie hütet Scharouns Nachlass. Die Zeichnungen und Vorentwürfe hat die Akademie jetzt in einem Katalog unter dem Titel „Architektur in Papier“ publiziert.

Es sind Visionen aus vier Jahrzehnten, die Scharouns künstlerische Entwicklung zum organischen Bauen zeigen, in dem Form und Funktion verschmelzen. „Seine Auffassung von fließenden Räumen ist in diesen Zeichnungen bereits angelegt“, betont Hoiman. Diese zeige sich schon bei der Fabrikantenvilla Schminke in Löbau von 1930, seinem ersten Einfamilienhaus mit geschwungenen Balkonen und offenem Grundriss, und in vielen Werken bis hin zur Philharmonie.

Scharouns Werk umfasst Einzelhäuser, Wohnungsbauten und Siedlungskomplexe, öffentliche Bauten in der Nachkriegszeit wie das Theater in Wolfsburg, Schulgebäude in Marl und Lünen, eine Kapelle in Bochum, die Architekturfakultät der TU in Berlin. Hinzu kommen die erst nach seinem Tod fertiggestellten Bauten am Berliner Kulturforum mit Kammermusiksaal, Musikinstrumentenmuseum und Staatsbibliothek.

„Gestalt finden“

„Gestalt finden“ hat der Architekturhistoriker Ralf Bock seine Monografie über Hans Scharoun genannt. Der Titel charakterisiere die Ambition des Architekten, für jeden Bau die ihm angemessene Form zu finden, erklärt der Autor. Für Scharoun habe der Mensch im Mittelpunkt gestanden: „Er wollte das Gemeinschaftliche fördern, ein Treppenhaus etwa als Treffpunkt der Hausgemeinschaft, wabenförmige Klassenräume, die sich die Schüler selbst einrichten, Flure, die keine Gänge sind, sondern Räume mit Aufenthaltsqualität.“

Scharouns Weg führt ihn vom Architekturstudium in Berlin direkt zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg. Nach seiner Entlassung 1918 geht er nach Ostpreußen und eröffnet dort ein erstes Büro, nimmt an zahlreichen Wettbewerben teil. Während der Weimarer Republik wird er Mitglied in visionären Architektenvereinigungen wie „Gläserne Kette“ und „RING“. 1925 erhält Scharoun eine Professur an der Kunstakademie in Breslau und kann ab 1926 Bauten für Ausstellungen des Deutschen Werkbundes realisieren, etwa ein Haus für die Weißenhofsiedlung in Stuttgart.

1929 erhält sein städtebaulicher Entwurf für die Großsiedlung Siemensstadt in Berlin-Spandau den Zuschlag, wo er auch selbst eine Wohnung bezieht. Das prägende Eingangsgebäude wird wegen seiner schiffsartigen Elemente im Volksmund „Panzerkreuzer“ genannt. Die Siedlung steht heute auf der Unesco-Welterbeliste.

In den 1930er Jahren, Scharoun ist mittlerweile bekannt als Architekt der „Weißen Moderne“, erhält er nur noch kleinere private Aufträge. Nach dem Zweiten Weltkrieg prägt er als Professor für Städtebau an der TU Berlin und als Präsident der Akademie der Künste die Diskussionen über den Wiederaufbau in Deutschland. In den 1950er Jahren entwirft er für Stuttgart-Zuffenhausen die ersten Hochhäuser mit Eigentumswohnungen, genannt „Romeo und Julia“.

In seinen letzten Jahren lebt und arbeitet er in der an die Siemensstadt angrenzenden Siedlung Charlottenburg-Nord in Berlin, die er 1954 entworfen hatte. An der einstigen Atelierwohnung, die wie ein Penthouse auf dem Dach thront, prangt heute noch das Namensschild. Die Häuser sind zu Wohngehöften gruppiert und mit Loggien und Laubengängen ausgestattet. In ihnen spiegelt sich das Credo des Architekten Scharoun: der Mensch im Mittelpunkt.

Von Sigrid Hoff (epd)