Altbischof Gerhard Ulrich kehrt auf die Bühne zurück

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Gerhard Ulrich (r.) als Großinquisitor, mit den Schauspielern Calvin-Noel Auer und Immanuel Humm (l.)
Kiel (epd).

Für Altbischof Gerhard Ulrich ist es eine Rückkehr zu seinen Wurzeln: In jungen Jahren war er Schauspieler am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater. Im Kieler Theater steht er jetzt wieder auf der Bühne. In Friedrich Schillers „Don Karlos, Infant von Spanien“ spielt er den Großinquisitor. Am 23. April feierte das Stück Premiere.

1787 wurde das Dramatische Gedicht am „Theater am Gänsemarkt“ in Hamburg uraufgeführt. Es erzählt vor dem Hintergrund des niederländischen Unabhängigkeitskriegs die Familientragödie am spanischen Königshof, angesiedelt zur Zeit der Inquisition. Don Carlos wird im Stück am Ende von seinem Vater, dem spanischen König Philipp II., an den Großinquisitor ausgeliefert.

Freiheitskampf trifft hier auf kirchliche Obrigkeit. Und diese Obrigkeit wird verkörpert von einem leibhaftigen, evangelischen Kirchenmann: Gerhard Ulrich war von 2008 bis 2012 Bischof in Schleswig und dann bis 2019 Landesbischof der Nordkirche. Vor seinem Theologiestudium studierte Ulrich Theaterwissenschaft und absolvierte zwei Spielzeiten am Ernst-Deutsch-Theater.

„Erschreckend aktuell“

„Es ist ein großes Geschenk, mit 71 Jahren an meine frühen biografischen Zeiten anzuknüpfen“, sagt Ulrich, der die Aufregung vor einer Aufführung immer noch kennt. „Ich sage immer, wenn ich irgendwann mal aufhöre, Lampenfieber zu haben, sollte ich auch aufhören aufzutreten - das gilt übrigens auch für den Weg zur Kanzel.“ Seit 2015 steht er auch mit dem Format „Theaterpredigt“ am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin und am Theater Kiel auf der Bühne.

Schillers Großinquisitor ist ein Mann, der für den Tod Hunderttausender Menschen verantwortlich ist, die der Ketzerei bezichtigt wurden. Dieser Punkt mache das Stück „erschreckend aktuell“, sagt Ulrich. Er denke dabei an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. „Wer in Russland den Krieg Krieg nennt, geht in den Knast. Das ist genauso wie hier auf der Bühne.“

Der ehemalige Landesbischof spielt damit sein eigenes Gegenstück. Als Intendant Daniel Karasek ihn im Dezember anrief, um ihm die Rolle des Großinquisitors anzubieten, fand er den Vorschlag „total einleuchtend“. Ulrich: „Es ist ein Entfremdungseffekt, wenn eine Figur mit dem Gegenprogramm besetzt wird.“ Schließlich sei die Inquisition einer der Gründe für die Reformationen gewesen.

Gerhard Ulrich selbst sieht „mit einem Unbehagen“ seine Rolle des Großinquisitors. „Und ich hoffe, dass die Menschen, die das Stück besuchen, genauso rausgehen.“ Theater dürfe schließlich nicht immer „eine Wohlfühloase“ sein.

Von Catharina Volkert (epd)