Dass sich die Balken biegen

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Fastenkalender "7 Wochen Ohne"
Evangelische Fastenaktion unter dem Motto "Mal ehrlich"
Frankfurt a.M. (epd)

In der Bibel findet sich in Sachen Lüge eine klare Ansage: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten", heißt es im achten der zehn Gebote, die Moses der Überlieferung nach auf dem Berg Sinai in Empfang nahm. Die evangelische Kirche stellt in diesem Jahr ihre Fastenaktion unter das Motto "Sieben Wochen ohne Lügen". Doch das ist gar nicht so leicht: Umfragen zufolge lügt die Mehrheit der Deutschen täglich. Viele finden das auch in Ordnung - sei es, um Freunde aufzumuntern oder um Engagement am Arbeitsplatz vorzutäuschen.

Was alles unter den Begriff Wahrheit falle, sei gar nicht so einfach zu klären, gibt Rochus Leonhardt zu bedenken, Professor für Systematische Theologie an der Universität Leipzig: "Menschen schulden sich in bestimmten Situationen Wahrhaftigkeit, aber sie müssen nicht ihr Innerstes nach Außen kehren. Nicht jeder hat das Recht zu wissen, was ich denke." Würde man niemandem mehr einen "guten Morgen" wünschen, den man in Wirklichkeit nicht leiden kann, wäre das nicht nur brutal ehrlich, sondern auch unhöflich und letztlich absurd.

Schon im Mittelalter sei genau zwischen den verschiedenen Formen der Lüge unterschieden worden - zwischen Scherzlügen, Nutzlügen und Schadenslügen, sagt Leonhardt. Und auch Martin Luther erkannte Lügen zwar als ethisches Problem, rechtfertigte sie aber bis zu einem bestimmten Grad. In manchen Situationen könnten sie geradezu ein "Liebesdienst" sein, befand der Reformator.

"Darf niemanden schaden"

Für Rochus Leonhardt, der sich viel mit den theologischen Aspekten des Lügens befasst hat, ist letztlich entscheidend, dass eine Lüge niemandem schaden dürfe - etwa, indem jemand schlechtgeredet werde: "Da muss man kein Christ sein, um das schäbig zu finden."

Karl Peter Bruch, einst SPD-Innenminister in Rheinland-Pfalz, hatte früher dienstlich tagtäglich damit zu tun, Lügner zu ertappen. Vor seinem Wechsel in die Berufspolitik war er bei der Kriminalpolizei. "Du erkennst bei Vernehmungen, wenn da etwas nicht stimmt", sagt er. Aus Körperhaltung, Mimik und Gestik könne ein erfahrener Ermittler ablesen, wenn ein Gegenüber sich in Lügen flüchte. Und er schließt: "Du merkst daran, dass die Leute eigentlich nicht lügen wollen."

Den Gedanken, dass Politiker lügen, hält er generell für fatal. Dass, etwa im Wahlkampf, nicht alle unangenehmen Dinge offen angesprochen würden, sei eine andere Sache. Aber niemand sollte eigene Versäumnisse durch Lügen verstecken, sagt Bruch. Für Politiker in hohen Ämtern gelte das umso mehr.

Im parlamentarischen Betrieb gilt "Lügner" als einer der schlimmsten Vorwürfe, wer das Wort einem politischen Gegner an den Kopf wirft, bekommt eine offizielle Rüge. Wenn Politiker lügen, zerstören sie das Vertrauen in die Politik. Den deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kostete sein Auftreten in der Plagiatsaffäre letztlich "nur" das Amt und den Doktortitel. Andere politische Lügen - etwa die Berichte der US-Führung über Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen - dienten zum Vorwand für Kriege, in denen unzählige Menschen starben.

"Lob der Lüge"

Der Psychologie-Professor Manfred Schmitt von der Universität Koblenz-Landau sieht Politiker in einer Vorbildrolle: "Lügen mächtiger Personen nehmen Einfluss auf die Verbindlichkeit des Wahrheitsgebots und tragen dadurch zur Legitimierbarkeit von Lügen bei", warnt er. Wer bei einer Lüge ertappt werde, könne sich inzwischen auf die mächtigsten Männer der Welt berufen. Bei US-Präsident Trump habe der Faktencheck der "Washington Post" ergeben, dass er täglich mehrmals öffentlich die Unwahrheit sage.

Der Göttinger Parteienforscher Franz Walter schrieb hingegen 2008 in einem Essay unter dem Titel "Lob der Lüge", Politiker müssten kühl kalkulierende Strategen sein, "kaltschnäuzig, unsentimental, knochenhart, listig". Dieser Logik folgend werden Lügen gelegentlich auch damit gerechtfertigt, die Staatsraison habe sie erforderlich gemacht.

Dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker wird der Satz zugeschrieben: "Immer, wenn es ernst wird, muss man lügen." In seiner Zeit als Vorsitzender der Euro-Gruppe hatte Juncker in einer besonders heiklen Phase der Griechenland-Krise ein Spitzentreffen einberufen, dies jedoch auf Pressenachfrage abgestritten. Die Lüge rechtfertigte der Luxemburger später damit, es sei wichtiger gewesen, die fiebernden Finanzmärkte vor dem Kollaps zu retten als die Neugier eines Reporters zu befriedigen.

Nach Worten des Psychologen Schmitt kann eine Lüge durchaus sinnvoll und legitim sein: Menschen griffen dann zu einer Lüge, wenn sie damit größeren Schaden verhindern könnten. Die "Notlüge" folge im Grunde der Regel, dass man lügen darf, wenn dadurch ein höheres Gut als die Wahrheit geschützt werde, sagte Schmitt.

Aber nicht immer herrscht Einigkeit darüber, wie hoch die Bedeutung der Wahrheit einzuschätzen ist. Ende 2018 sorgte der Fall einer Grundschullehrerin aus dem US-Bundesstaat New Jersey für Schlagzeilen: Die Pädagogin hatte ihren Schülern offenbart, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt und dabei auch gleich erklärt, dass Osterhase und Zahnfee Fabelwesen sind. Die Schulbehörde fand das überhaupt nicht lustig. Sie ließ die Frau kurzerhand vom Dienst suspendieren.

Von Karsten Packeiser (epd)