"Wir suchen Sauerstoff auf eigene Faust"

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Kein Abstand, keine Maskien: Pilgerfest Kumbh Mela im März
Mumbai (epd).

Firoz ist erschöpft. „Es gibt keine Krankenhausbetten und keinen Sauerstoff für Patienten“, sagt der Universitätsmitarbeiter in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi, der seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen will. „Wir versuchen Zylinder und Geräte auf eigene Faust zu organisieren, da unser Staat nicht funktioniert“. Gerade ist er auf dem Weg, einen Sauerstoffzylinder für einen Bekannten in Not aufzufüllen. Er hat eine Organisation in der Altstadt ausfindig gemacht, wo das kostenfrei möglich ist. Nicht jeder kann sich die umgerechnet 170 Euro und mehr leisten, die eine Sauerstoffflasche derzeit in Indien kostet.

Die Preise für antivirale Medikamente wie Remdesivir oder medizinischen Sauerstoff steigen auf dem Schwarzmarkt. Zwar hat die Regierung den Export gestoppt, doch die Produktion wurde nach der ersten Welle der Corona-Pandemie zurückgefahren. Darunter leiden die Menschen nun in der zweiten Welle. Die Zahl der Neuinfektionen pro Tag liegt bei über 300.000.

Sobald der Bekannte mit dem Sauerstoff versorgt ist, möchte Firoz in seinen Heimatstaat Bihar fahren, wenn er ein Ticket bekommt. Die Lage in seinem Dorf sei sehr angespannt, viele Menschen seien krank geworden, habe man ihm am Telefon erzählt. Da der Universitätscampus, auf dem er normalerweise lebt, geschlossen ist, hält ihn nicht mehr viel in der indischen Hauptstadt.

Hinduistisches Fest als Spreader-Event

So wie Firoz geht es vielen Tausenden anderen Inderinnen und Indern. Sie wollen einfach nur zu ihrer Familie. Einer von ihnen ist Ram Lakshaman Nishad. Der 73-Jährige sitzt seit mehreren Stunden am Bahnhof Bandra Terminus im westindischen Mumbai und wartet auf eine Fahrkarte. „Meine Frau ist erkrankt, deshalb fahre ich.“ Dass das Coronavirus sich weiter in Indien verbreitet und nach offiziellen Zahlen die Marke von 17 Millionen Infektionen überschritten wurde, macht ihm Angst. „Doch wenn ich sterben sollte, dann bei meiner Familie und nicht alleine in Mumbai“, sagt Nishad, der sein Geld als Vorarbeiter verdient.

Die Straßen Mumbais sind still geworden. Die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der Ausgangsbeschränkungen wächst. Das Ersparte geht zu Ende, klagen viele. Unterdessen werden die Stimmen lauter, die die Regierung für ihr spätes Handeln in der Pandemie kritisieren. Auch das hinduistische Kumbh-Mela-Fest, bei dem fast fünf Millionen Menschen ein rituelles Bad im Ganges nahmen, wird für den starken Anstieg der Infektionszahlen verantwortlich gemacht. Viele Pilger trugen keine Schutzmasken und hielten keinen Abstand.

Zudem herrscht Empörung darüber, dass in manchen Regionen die Todesfälle nicht mit den Zahlen der Regierung übereinstimmen, und über die unzureichende medizinische Versorgung. Viele Erkrankte können derzeit nicht behandelt werden. Die Zeitung „The Telegraph“ berichtete, dass mit der Polizei verhindert werden soll, dass Kliniken Patienten wegen Sauerstoffmangels entlassen, damit sie woanders hingehen könnten.

Sauerstoff-Produktion wird angekurbelt

Mittlerweile versucht die indische Regierung verstärkt, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. So soll pensioniertes medizinisches Militärpersonal in Kliniken unterstützen. Auch die Sauerstoff-Produktion soll in großem Maßstab angekurbelt werden. Industrieanlagen wie Stahlwerke sollen dafür eingesetzt werden. Die Regierung untersagte inzwischen vielen Unternehmen, flüssigen Sauerstoff für andere Produktionen zu verwenden. Mittel für den Bau von Sauerstoff-Anlagen wurden bereitgestellt und erste Lieferungen aus dem Ausland haben Indien erreicht. Hilfe aus Großbritannien, den USA, Deutschland und weiteren Staaten rollt an.

Knapp 200.000 Menschen sind in Indien bisher im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben, so die offiziellen Zahlen. Doch Experten stellen diese Zahlen in Frage. Und es wird den Forscherinnen und Forschern zufolge auch noch dauern, bis sich die Lage entspannt. Auch der US-amerikanische Epidemiologe Eric Feigl-Ding stellt eine düstere Prognose: „Wenn wir in Indien nicht schnell genug impfen, drohen dem Land eine Million Tote oder mehr bis August.“

Von Natalie Mayroth (epd)