Weg von Glätteisen und Hautaufheller
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Die Musikerin Chantal Taiba
Wie Schönheitsideale in afrikanischen Ländern wieder diverser werden
Nairobi (epd).

So verschieden wie das Essen und die Landschaft, so divers sind auch die Schönheitsideale auf dem afrikanischen Kontinent. Und doch stehen in Afrika noch immer besonders viele Frauen unter Druck, sich den Standards anzupassen, die seit der Kolonialzeit das Schönheitsverständnis prägen. Inzwischen aber wird die Gegenbewegung stärker.

Einen Blick auf die Ausgangslage vor den Einflüssen aus Europa wirft die tansanische Künstlerin Rehema Chachage, die sich mit jahrhundertealten Schönheitsidealen in Ostafrika beschäftigt hat. „In Tansania gibt es mehr als 100 ethnische Gruppen, und jede hat ihren eigenen Schönheitsstandard, der von der Region und der traditionellen Beschäftigung abhängt“, erklärt sie. In sesshaften, ackerbaubetreibenden Gemeinschaften seien füllige Menschen attraktiv, in nomadischen Gruppen, die überwiegend Viehzucht betreiben, große und schlanke Menschen. Alles dazwischen fände sich in anderen Gruppen.

Dreadlocks statt geglätteter Haare

Doch fast überall hat die Kolonialherrschaft eine Kerbe in die Traditionen geschlagen. „Manchmal vergessen wir, dass Kolonialismus ein fundamentaler Teil unserer Geschichte ist“, sagt Ade Bagolun. Die Nigerianerin ist 25 Jahre nach der Unabhängigkeit geboren, aber um akzeptiert und respektiert zu werden, musste auch sie lange einem bestimmten Ideal entsprechen: „Wir haben helle Haut und langes Haar bevorzugt gegenüber dem, was uns eigentlich ausmacht.“

Seit 13 Jahren aber wehrt sie sich gegen das unnatürliche Glätten ihrer krausen Haare und trägt Dreadlocks. Und weil es dafür am Anfang in Nigeria keine Friseursalons gab, machte die Architektin kurzerhand selbst einen in der größten Stadt Lagos auf.

Besonders in westafrikanischen Ländern wie Nigeria sind hautaufhellende Cremes noch immer verbreitet, trotz der Gesundheitsrisiken, die sie mit sich bringen können. Genauso wie chemische Glättemittel für die Haare. Der Kosmetikmarkt machte 2021 umgerechnet zwei Billionen Euro Umsatz. Ein wachsender Teil setzt auf natürliche Produkte. „Es ist nichts schlecht daran, wenn afrikanische Frauen ihr Haar glatt tragen wollen, oder eine Perücke“, sagt Bagolun. „Aber man muss die Haare auch natürlich tragen können und schön sein und Respekt verdienen können.“

Werbung mit ausländischen Models verboten

In Nigeria gilt seit Oktober ein Gesetz, das ausländische Models in der Werbung verbietet. Es gehe darum, lokale Talente und Wirtschaftswachstum zu entwickeln, erklärt die zuständige Behörde. Schon bisher kostete es Gebühren von rund 1.000 Euro, wenn ausländische Models in der Werbung vorkamen. Viele Unternehmen nutzten aber ausländische Schauspielerinnen und Schauspieler für ihre Werbung.

Rund 500 Millionen Euro werden nach Schätzungen der Unternehmensberatung PwC pro Jahr in der nigerianischen Werbebranche umgesetzt. So viel wie möglich will die Regierung gerne im Land behalten. Der Verband der Werbewirtschaft stellt sich gegen das neue Gesetz.

„Ich bin der Meinung, dass Repräsentation, gerade in den Medien, wichtig ist“, sagt hingegen Ade Balogun. „Wenn du Sachen siehst, die mehr wie du aussehen, dann hilft es dir dabei, zu wissen, was du selbst schaffen kannst.“ In den vergangenen Jahren habe sich in Nigeria schon viel geändert. „Es geht heute weniger darum, ob ich meine natürlichen Haare trage, sondern wie ich sie trage.“

Am Ende aber, meint Ade Balogun, könne sich heute niemand dem Druck entziehen, den soziale Medien auf Frauen weltweit ausüben: „Es gibt immer noch Schönheitstandards, die nicht damit übereinstimmen, wie wir nun mal aussehen“, sagt sie. „Egal woher du kommst, du musst wie Kim Kardashian aussehen.“ Mit ihrem Salon setzt Balogun andere Akzente. Und vermittelt auch über die Grenzen hinweg Selbstbewusstsein jenseits der aufgezwungenen Ideale: Sie expandiert ihr Geschäft Locitude gerade in die USA.

Von Birte Mensing (epd)