Warum sich Menschen in Mali radikalisieren

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Eine Selbstverteidigungsmiliz der Dogon in einem Dorf im Süden Malis: Häufig werden Dörfer von Islamisten überfallen. (Archivbild)
Bamako (epd)

Ahmed ist ein überschlanker Mann im blauen Anzug und wirkt eher scheu. Dabei sind seine Worte radikal, er verteidigt Gewalt bis hin zum Mord. Der Malier, der seinen richtigen Namen nicht genannt haben will, ist Mitglied der islamistischen Gruppe Katiba Macina, die im Zentrum des westafrikanischen Landes operiert. Sie ist mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida im Islamischen Maghreb und anderen islamistischen Gruppen verbündet.

Vier dieser Gruppen haben sich im März 2017 zusammengeschlossen, sie nennen sich Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime. "Wir haben in Mali schon ein kleines Gebiet unter Kontrolle, dafür danken wir Gott", sagt Ahmed.

In Mali hat Anfang 2013 nur das Eingreifen der französischen Armee verhindert, dass bewaffnete Islamisten bis in die Hauptstadt Bamako vordringen. Bis dahin hatten sie bereits viele Gebiete im Norden des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Seitdem dauert die schwere politische Krise in Mali an. Daran hat auch die UN-Mission nichts geändert, die dort seit 2013 im Einsatz ist.

Bundeswehr im Einsatz

Die Bundeswehr beteiligt sich mit bis zu 1.100 Soldaten, Mali ist mittlerweile deren wichtigstes Einsatzland nach Afghanistan. Trotzdem haben die Islamisten ihren Einfluss in Mali ausgeweitet. Sie sind seit 2015 auch im Zentrum des Landes aktiv, kontrollieren einige Gebiete und verüben landesweit immer wieder Anschläge auf militärische und zivile Ziele.

"Wir beten ständig zu Gott, dass er uns hilft, unseren Einflussbereich weiter auszudehnen", sagt Ahmed. Die Katiba Macina wurde 2015 von dem radikalen Prediger Amadou Koufa gegründet, der wie die meisten seiner Anhänger zum Volk der Fulani gehört, die auch Peul genannt werden. Ein Mittelsmann hat den Kontakt zu Ahmed hergestellt. Der radikale Islamist sagt von sich selbst, dass er 40 Jahre alt sei und eine Familie habe, die lebe mit ihm zusammen im "Busch", also im islamistischen Untergrund.

Wie Ahmed erzählt, hat er sich vor rund drei Jahren den Islamisten angeschlossen, bis dahin sei er Händler gewesen. Er habe auf den Wochenmärkten der Region Zucker, Tee und viele andere Dingen verkauft. "Die Zollbeamten, die Polizisten - alle haben mir ständig Geld abgezwungen", berichtet er. Am Ende des Tages sei ihm deshalb oft fast nichts geblieben.

Vor rund drei Jahren hätten dann auch Übergriffe der Sicherheitskräfte gegen Fulani begonnen, von denen die meisten als halbnomadische Hirten leben. Die internationale Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch berichtet ebenfalls, dass Fulani von vielen Vertretern des Staates pauschal als Terroristen verdächtigt und oft zu Unrecht verfolgt würden, weil sich einige Fulani tatsächlich radikalisiert und der Katiba Macina angeschlossen haben.

Regierung weist Vorwürfe zurück

Die Regierung weist solche Vorwürfe als Propaganda zurück. "Unsere Streitkräfte sind multi-ethnisch", betont General Salif Traoré, Minister für Sicherheit und den Schutz der Bevölkerung. "Und wir legen schon bei der Ausbildung größten Wert auf die Menschenrechte." Alle Verstöße würden mit äußerster Härte bestraft.

Ahmed stellt das anders dar. Viele seiner Bekannten hätten staatliche Repressionen zu spüren bekommen. "Einige haben sie verhaftet und getötet. Andere haben sie verhaftet und eingesperrt. Wieder andere haben sie verhaftet und verschwinden lassen." Zu überprüfen ist das nicht, aber Ahmed zufolge wurden in seiner Familie mehr als zehn Menschen getötet. Darunter seien auch erklärte Gegner des radikalen Islam gewesen. Ihr einziges Vergehen sei es gewesen, mit ihm verwandt zu sein.

Vor etwa drei Jahren habe die Katiba Macina die Kontrolle auch über sein Dorf übernommen. Ihn habe überzeugt, dass sie "nie jemanden einfach so" umbringen. "Wenn ein Fall sie überfordert, kontaktieren sie einen der Höherstehenden. Was die Regierung macht, hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun."

Trotz der Gewalttätigkeit der islamistischen Gruppen zieht deren Ideologie immer mehr Malier in ihren Bann, sagt Baba Dakono. Er leitet das Büro des afrikanischen Instituts für Sicherheitsstudien (ISS) in Bamako. Er und seine Mitarbeiter haben untersucht, was die Islamisten für die Bevölkerung attraktiv macht.

"Am häufigsten wird das Bedürfnis nach Schutz genannt", fasst Dakono zusammen. Schutz vor bewaffneten Banditen, Schutz vor Milizen anderer Volksgruppen, aber auch vor Vertretern des Staates und der Armee, die ihre Macht auf verschiedene Weise missbrauchen. "Der religiöse Aspekt spielt dagegen eher eine nachrangige Rolle."

Das gilt Untersuchungen zufolge auch für andere Staaten: für Nigeria zum Beispiel, wo Boko Haram seit Jahren Terror verbreitet. Für Burkina Faso, wo die Zahl der Angriffe auf Kirchen seit einigen Wochen drastisch zunimmt. Für die Region um den Tschadsee, wo derzeit ein Boko-Haram-Ableger die Menschen durch eine halbwegs funktionierende Verwaltung in seinem Herrschaftsbereich von sich überzeugt. Um die Attraktivität der Terrorgruppen in solchen Ländern zu brechen, müssten vor allem die Staaten ihre ureigenen Pflichten erfüllen: Leben und Besitz schützen, Recht sprechen, Machtmissbrauch verhindern.

Von Bettina Rühl (epd)